Rethinking Aids - Stimmt das alles was man "uns" erzählt?

Zwischen Hoffnung und Hype: HIV, AIDS und die kostspielige Suche nach Heilung

Im Mai 2017 war es wieder soweit: Ein kommerzielles Forschungsunternehmen, dieses Mal das französische Biotechnologieunternehmen Abivax, stellte turnusmäßig einen neuen Wirkstoff zur funktionellen Heilung von Aids vor. Die mediale und öffentliche Aufmerksamkeit war garantiert, der Aktienkurs schoss in die Höhe.

Wenig später folgte ebenso turnusmäßig die Ernüchterung. Von Heilung war nicht mehr die Rede, der HI-Virus blieb doch unbezwungen, weil doch zu gut für den Wirkstoff in den körpereigenen Zellen versteckt. Die HIV-Infizierung bleibt unumkehrbar, AIDS unheilbar.

Was der Hype um den Abivax-Wirkstoff ABX464 versinnbildlicht ist weniger die allmähliche Annäherung der Forschung an ein wirksames Heilmittel als den aktuellen medialen und gesellschaftlichen Diskurs rund um den Themenkomplex „HIV/AIDS“. Zwischen Hoffnung und Hype hängt sich öffentliche Aufmerksamkeit an jede neue medizinische Idee und biotechnologische Innovation. Selbst wenn Kontrollgruppenstudien ausstehen und Wiederholungsversuche scheitern.

Das bekannteste Beispiel für diesen emotional aufgeladenen Diskurs ist sicher der Fall des Timothy Ray Brown, besser bekannt als der „Berliner Patient“. Zu einer Zeit, als weder die Forschung noch die Öffentlichkeit von Heilungsaussichten zu sprechen wagten, wurde Brown als erster Mensch weltweit quasi zufällig von seiner HIV-Infektion befreit.

Als Leukämiepatient hatte Brown an der Berliner Charité zwei Stammzelltransplantationen erhalten, und zwar von zwei Spendern, die von Natur aus resistent gegen HIV waren. Nach der Transplantation verschwanden nicht nur die Krebszellen aus Browns Körper, auch die HI-Viren waren nicht mehr nachweisbar. Eine Weltsensation, die Forschung, Investitionen und Aktienkurse zum Explodieren brachte.

Und dennoch: Bis heute ist Timothy Ray Brown ein Einzelfall, eine medizinische Kuriosität, die zum Hoffen – und Hypen – einlädt.

Welche Heilmittel werden aktuell gesucht und warum ist Heilung so schwierig?

Seitdem die HIV-Infektion und die ausgelöste Immunschwächeerkrankung AIDS vor fast 50 Jahren entdeckt wurden, wird intensiv nach einem wirksamen Heilmittel geforscht. Dabei war es insbesondere die antiretrovirale Therapie, die das Leben von Millionen betroffener Menschen verbessert und verlängert hat.

Heilung verspricht diese Art der Therapie allerdings nicht. Tatsächlich gehen selbst die größten Forschungsunternehmen und Verbände der Heilungsforschung aktuell nicht mehr von einer vollständigen Heilung aus. Organisationen wie Abivax fokussieren sich stattdessen auf die Entwicklung einer „funktionellen Heilung“, das heißt, auf die Erreichung eines Gesundheitszustands, in dem der HIV-positive Patient symptom- und möglichst medikamentenfrei leben kann, ohne dass das Virus aber vollständig aus dem Körper vertrieben worden ist.

HIV ist derart schwierig zu therapieren und/oder zu heilen, weil der Virus dem Immunsystem aktiv ausweicht und in infizierten T-Lymphozyten-Zellen (T-Zellen) ruht. In diesem Zustand der latenten Infektion können die Virus-Zellen jahrzehntelang überleben, ohne aktiviert zu werden. Dennoch kann die HIV-Infektion und in der Folge auch die AIDS-Erkrankung jederzeit ausbrechen. Für die Heilungsforschung gilt das Aufspüren und Beseitigen dieser „HIV-Reservoirs“ als die schwierigste und bislang nicht zu meisternde Herausforderung.

Zwischen Hoffnung, Hype, und Geldverdienen

Wenn also die HIV-Forschung aktuell von der Suche nach einer vollständigen Heilung abgerückt ist, warum werden turnusmäßig Heilungsversprechen und Wundertherapien wie der Abivax-Wirkstoff ABX464 medial gehypt?

Die Antwort liegt unter Umständen weniger in der berechtigten Hoffnung der beteiligten Forscher*innen und mehr in den wirtschaftlichen Interessen der Pharmaindustrie. Nicht nur schießen die Aktienkurse der gehypten Unternehmen bei jeder neuen Wundermeldung durch die Decke.

Die antiretrovirale HIV-Therapie und die intensive medikamentöse AIDS-Behandlung bedeuten jeweils für sich genommen bereits einen obszönen wirtschaftlichen Gewinn für die Pharmariesen. Neue Medikamente und Wirkstoffe sind natürlich besonders teuer, selbst, wenn es sich wie beispielsweise bei dem Wirkstoff und Zellgift AZT (Azidothymidin) um ein ausrangiertes, weil wirkungsloses, Krebsmittel handelt.

Tatsächlich kritisieren renommierte Wissenschaftler die eklatante Unwissenschaftlichkeit dieser von kommerziellen Interessen geprägten Forschungsergebnisse.

Einer von diesen ist Peter Duesberg, renommierter Professor für Molekular- und Zellbiologie an der University of California, Berkeley (USA) und Entdecker der Retro-Viren. In einem medialen und öffentlichen Diskurs, der zwischen Hype und Hoffnung changiert, scheitert Duesberg allerdings immer wieder daran, eine Plattform und Lobby für seine AIDS- und Pharmakritik zu finden. Im Jahr 2000 wurde Duesberg als Kopf der Gruppe „Rethinking AIDS – The Group for the Scientific Reappraisal of the HIV/AIDS Hypothesis“ vom damaligen Präsidenten Südafrikas, Thabo Mbeki, in dessen „Presidential AIDS Advisory Panel“ einberufen. Duesberg und Rethinking AIDS argumentieren gegen die gängige Forschungsmeinung und sprechen Retroviren die Alleinverschuldung der AIDS-Erkrankung ab. Das Immunschwächesyndrom, das als AIDS bekannt wurde, besteht, laut Duesberg, aus einer Zusammenwirkung von Einzelerkrankungen, die vorrangig durch ungesunde Lebensführung (z. B. oft wechselnde Sexualpartner) und Umwelttoxine (Drogen, Medikamente, AZT) hervorgerufen werden.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Pharmaindustrie aus reiner Menschenliebe und gelebten Idealismus extrem medikamentenintensive HIV- und Aids-Behandlungen durch eine einmalige Heilungstherapie ersetzt?

Und können Betroffene wirklich auf eine Heilung noch zu ihren Lebzeiten hoffen?

Aktuell träumen Organisationen wir Abivax von einer funktionellen Heilungsmethode ab dem Jahr 2020. Sicher ist allerdings nur eins: Der nächste Hype kommt bestimmt. Spätestens 2020.

 

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