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Report - Bericht

IX. Internationale AIDS-Konferenz vom
6.-11. 6. 1993 in Berlin


von Klaus Blees

Dieser Bericht erschien zuerst 1993 in Gestalt Theory 15, S. 274-281.

 


„The Conference gives everyone a Chance to
exchange experience and new ideas."

Der Konferenz-Vorsitzende, Prof. Dr. Karl-Otto
Habermehl, in seiner Grußadresse

Mein Bericht ist der Versuch eines medizinischen Laien, ohne Anspruch auf Vollständigkeit Eindrücke von der IX. Internationalen AIDS-Konferenz und Ereignissen an deren Rande zu schildern und dabei insbesondere auf Sackgassen hinzuweisen, in welche die AIDS-Forschung meines Erachtens aufgrund eines monokausalen Erklärungsansatzes geraten ist.

Die Ausgangssituation

Als 1984 auf einer Pressekonferenz des US-Gesundheitsministeriums GALLO ein neuentdecktes, heute HIV genanntes Virus zur wahrscheinlich gemeinsamen Ursache verschiedener, unter der Bezeichnung AIDS zusammengefaßter Krankheiten erklärte, war dies mit der Ankündigung verbunden, nach 2 Jahren werde ein Impfschutz zur Verfügung stehen. Doch bis heute warten nicht nur die Betroffenen auf praktische Ergebnisse, trotz in der Wissenschaftsgeschichte einmaliger Forschungsaufwendungen. Die Virus-Hypothese führte weder zu einer plausiblen Erklärung der AIDS-Entstehung, noch zu annähernd zutreffenden Prognosen über Krankheitsverlauf und -ausbreitung, geschweige denn zu einer Therapiemöglichkeit.

Angesichts solcher Ausweglosigkeit und zahlreicher Ungereimtheiten der Virus-AIDS-Hypothese stellte seit Mitte der 80er Jahre eine wachsende Minderheit von Wissenschaftlern diese Richtung der Forschung grundsätzlich in Frage. Diese - durchaus heterogene - Group for the Scientific Reappraisal of the HIV/AIDS Hypothesis, deren prominentester Vertreter der renommierte Molekularbiologe DUESBERG ist (1), zieht HIV als Ursache oder zumindest Hauptursache von AIDS in Zweifel und schlägt alternative, risikogruppenspezifisch unterschiedliche Erklärungsmodelle vor. Zwar veröffentlichen Angehörige der Gruppe in Fachzeitschriften (2) und haben so mehrfach Kontroversen ausgelöst, doch wird ihr Ansatz vom mainstream der AIDS-Forschung nicht berücksichtigt.

Festhalten an der Virus-Hypothese

Folgerichtig wurde auch niemand von ihnen zur IX. Welt-AIDS-Konferenz ins International Congress Center (ICC) nach Berlin eingeladen. Eingeladen war jedoch GALLO, der lange neben MONTAGNIER als einer der HIV-Entdecker galt, bis sich herausstellte, daß er das Virus in Proben entdeckt hatte, die ihm MONTAGNIER zukommen ließ (3).

Die Arbeit der auf dem Kongreß referierenden Wissenschaftler basiert also auf der HIV-AIDS-Hypothese, und auch in diesem Jahr blieb ein Durchbruch aus. Allenfalls war von kleinen Fortschritten die Rede, die Hoffnungen für die Zukunft erwarten ließen, aber in diesem Jahrhundert sei mit deren Erfüllung nicht mehr zu rechnen.

Das Angebot für die fast 15 000 Teilnehmer schloß mehr als 800 Vorträge in überwiegend parallelen Arbeitsgruppen ein. Während einige Workshops sich mit sozialwissenschaftlichen, psychologischen, politischen, ökonomischen, ethischen, selbst theologischen Aspekten des Themas befaßten, behandelten die meisten die molekularbiologische und medizinische Forschung.

Kein Virus ist besser erforscht als HIV, die Kenntnisse darüber wachsen stetig, was vor allem auch die Untersuchung seiner Funktionsweise in vitro einschließt. Antworten darauf, was denn vorgestellte Laborergebnisse – beispielsweise eine in positiven im Gegensatz zu negativen Kulturen spontan verlaufende Apoptose (programmierter Zelltod) - für die komplexen Vorgänge im lebenden Organismus bedeuten, blieben aus. Eine Relativierung von HIV als hinreichender AIDS-Ursache postulierte vor allem MONTAGNIER, der konstatierte, eine HIV-Infektion führe nicht zu einer unumkehrbaren Immunsuppression. Er vermutet Mykoplasmen, bakterienähnliche Mikroben, als notwendige Kofaktoren, wobei er zugab, in Europa bisher keine mit einem bestimmten Mykoplasma infizierten Patienten gefunden zu haben.

Als eine zentrale Hoffnung, AIDS langfristig zu besiegen, kristallisierten sich gentechnische Verfahren heraus. Wo aus dieser Sicht ein Virus, das einen ansonsten gesunden Körper heimtückisch überfallen kann, sogar natürlich gebildete Antikörper auszutricksen vermag (4), bleibt nur die Chance, den zur Selbstheilung unfähigen Organismus technisch so zu verbessern, daß er mit dem Erreger fertig wird (5). So könnten nach GALLOs Vorstellung gentherapeutische Eingriffe in der Einpflanzung eines Inhibitor-Gens in eine uninfizierte Zelle bestehen. Auch auf der Suche nach Impfstoffen wurde gentechnologischen Strategien als Medium der Entwicklung und Produktion eine Schlüsselrolle zugeschrieben.

Die vorgestellten Studien mit antiviralen Medikamenten konzentrierten sich auf AZT (Azidothymidin) und andere, ähnlich wirkende Substanzen, besonders DDI (Dideoxyinosin) und DDC (Dideoxycytidin). AZT, das die Zellteilung blockiert und infolgedessen vor allem schnellwachsende Zellen tötet, ist trotz seiner zerstörerischen Effekte auf die Blutbildung und die Darmschleimhaut und des Verdachts auf Kanzerogenität als bisher wichtigstes AIDS-Medikament zugelassen, was mit unterstellten virushemmenden und den Krankheitsverlauf verzögernden Eigenschaften begründet wird (6). Wegen seiner gravierenden Toxizität geriet dieses Mittel ins Kreuzfeuer der Kritik, deren Verfechter teilweise nicht nur seinen Nutzen bestreiten, sondern einige der als AIDS diagnostizierten Krankheiten als Folge der AZT-Einnahme ansehen. So richteten sich Erwartungen auf DDI und DDC und unterschiedliche Kombinationen der drei Stoffe. Aus dazu präsentierten Studien leitete man für bestimmte Patientengruppen vorsichtig klinische Vorteile und eine Reduzierung von Nebenwirkungen gegenüber AZT-Monotherapie ab. Allerdings dienen solchen Untersuchungen hauptsächlich anfechtbare Untersuchungsergebnisse (FISCHL-Studie) als Vergleichsbasis; eine Lebensrettung wird, da es sich aus orthodoxer Sicht um eine tödliche Erkrankung handelt, erst gar nicht ins Auge gefaßt.

Da AZT auch symptomfreien HIV-Antikörper-Positiven verabreicht wird und bei diesen den Krankheitsausbruch hinauszögern soll, galt ein großes Interesse näheren Informationen zur Concorde Trial, der bislang umfassendsten Studie mit asymptomatischen Patienten. Ergebnisse daraus waren bereits einige Monate zuvor bekanntgegeben worden, und SELIGMANN, einer der Studienleiter, bestätigte, daß sich für die AZT-Probanden kein signifikanter Vorteil im Vergleich mit der Placebogruppe ergab.

Angesichts des Scheiterns aller Versuche, AIDS durch HIV-zentrierte Therapien in den Griff zu bekommen, widmeten sich andere Arbeitsgruppen Behandlungsmöglichkeiten der jeweiligen Einzelerkrankungen, wie opportunistischen Infektionen und Krebskrankheiten. Auch dabei blieben vorübergehende Besserungen das einzige ins Auge gefaßte Nahziel.

Nur ein Workshop beschäftigte sich mit Naturheilverfahren, doch schon dies schien der Kongreßleitung zuviel zu sein. Diese Gruppe wurde - nach Auskunft einer Teilnehmerin - genötigt, einen der geladenen Referenten durch einen Gentechniker zu ersetzen.

Auf einer derartigen Basis beschränken sich die Chancen, eine prognostizierte AIDS-Epidemie zu stoppen, also auf Prävention, worunter dann vor allem der Gebrauch von Kondomen zu verstehen ist sowie die Verteilung sauberer Spritzen an intravenös Drogensüchtige und das Testen von Blutspenden auf Antikörper gegen HIV (7). Dabei spielte ebenfalls die Diskussion einer HIV-Übertragung bei der Geburt oder durch Stillen eine Rolle. MERSON, der Direktor des AIDS-Programms der WHO, erachtete es als notwendig, Brustfütterung und AIDS-Risiko gegeneinander abzuwägen (8). In diesem Sinne erörterten verschiedene Arbeitsgruppen Strategien der Prävention und Öffentlichkeitsarbeit, die auf die jeweiligen als gefährdet geltenden Bevölkerungsteile oder Länder spezifisch abgestimmt waren. MERSON forderte hierzu jährlich 1,5-2,9 Mrd. $, weil dies die Ausbreitung in der Dritten Welt auf dem derzeitigen Level halten könne und auf Dauer 90 Mrd. $ erspare. LAMPTEY als Sprecher der Internationalen Organisation für Familiengesundheit machte deutlich, wie sich die Orthodoxie solche Erfolge vorstellt: In Afrika sei der Kondom-Absatz von l Mio. 1987 auf 64 Mio. 1992 gestiegen.

Ein in der Vergangenheit weitgehend tabuisiertes Thema fand immerhin Eingang ins Programm: Die Fälle derjenigen, die trotz häufig weit über 10 Jahre zurückliegender Infektion oder Erkrankung bis heute am Leben geblieben sind. Darunter befinden sich, wie eingeräumt wurde, nach bereits aufgetretenen Krankheitszeichen wieder symptomfreie Patienten. Das Phänomen dieser Langzeitüberlebenden gab allerdings auch keinen Anlaß, HIV als AIDS-Ursache einer fundamentalen Prüfung zu unterziehen, sondern bloß nach besonderen Merkmalen Ausschau zu halten, die bei den Betreffenden einem Ausbruch oder schnellen Verlauf des Leidens entgegenstehen. Nach einer der zur Erklärung herangezogenen Hypothesen nimmt man an, diese seien mit einer weniger aggressiven Virus-Variante infiziert (9). Im wesentlichen drehte sich die Debatte aber um unterschiedliche Kofaktoren - darunter auch die Art der psychischen Bewältigung der erlebten Bedrohung - welche für die Verschiedenartigkeit des Verlaufs verantwortlich sein könnten, die jedoch als mit HIV zusammenwirkend betrachtet wurden.

Als Ausnahmen im Kongreßgeschehen erwiesen sich Stellungnahmen wie die der Argentinierin PELLEGRINI vom Global Network of People Living with AIDS, die in einer Veranstaltung zum kreativen Gebrauch von spirituellen Quellen im Umgang mit der Krankheit die Gleichung HIV = AIDS = Tod zurückwies und forderte, auf die Betroffenen zu hören, um zu verstehen, was tatsächlich geschieht.

Waren also nicht virusfixierte Ansätze nicht gefragt, so paßte eine andere Art von Opposition den Verantwortlichen durchaus ins Bild: Die Aktivisten von ACT UP, einer internationalen Selbsthilfeorganisation, deren Teilnahmekosten partiell der AZT-Hersteller Wellcome (9a) trug (LAURITSEN 1993), die HIV als AIDS-Ursache nicht in Zweifel zieht (10) und deren Radikalität in spektakulären, provokativen Handlungen besteht, häufig verbunden mit Forderungen nach ungeprüfter, schneller Freigabe teilweise hochgiftiger Medikamente oder nach Preissenkungen für diese.

Unerwünschte Kritik

Sobald auf den Pressekonferenzen Journalisten die orthodoxe Sicht zu hinterfragen wagten, brachen sie damit offensichtlich Tabus, wie sich an den durch diese Fragen ausgelösten Reaktionen zeigte. Joan SHENTON, die für den britischen Fernsehkanal Channel 4 mehrfach kritische Sendungen über AIDS produziert hat, zitierte den Physiologen ROOT-BERNSTEIN: Am Ende des Jahrhunderts wüßten wir alles über HIV und nichts über AIDS. Sie fügte die an GALLO gerichtete Frage an, ob, auch angesichts des von DUESBERG vorausgesagten Ausbleibens einer heterosexuellen Ausbreitung im Westen, nicht eine Überprüfung der HIV-AIDS-Hypothese erforderlich sei. Martin DELANEY, Vertreter der kalifornischen Selbsthilfegruppe Project Inform, schüttelte daraufhin wütend ihr Handgelenk, und GALLO erklärte haareraufend, jeder vernünftige Mensch komme zu dem Ergebnis, ROOT-BERNSTEIN liege falsch und Frau SHENTON solle ihn - GALLO - nicht belästigen. Robert LAARHOVEN, Organisator eines alternativen AIDS-Kongresses 1992 in Amsterdam, erkundigte sich bei dem Vorsitzenden HABERMEHL, ob GALLO eingeladen worden sei, bevor oder nachdem er des wissenschaftlichen Fehlverhalten schuldig befunden worden sei, und ob die Einladung eines Wissenschaftlers, der seine Glaubwürdigkeit verloren habe, akzeptabel sei. WESTHOFF, der Moderator, wertete dies als Meinungsäußerung und nicht als Frage! Erst als LAARHOVEN auf einer Antwort bestand, war er - anstelle des nicht mehr anwesenden HABERMEHL - zu einem kurzen Statement bereit: Warum sollte die Internationale AIDS-Konferenz nicht zwei sehr fruchtbare AIDS-Forscher einladen? Und das seien Prof. MONTAGNIER und Prof. GALLO. Die konkrete erste Frage ließ er unbeantwortet. GALLO selbst rechtfertigte sich nach der betreffenden Pressekonferenz (am 8. 6.) gegenüber LAARHOVEN: Er sei ja nur in einem Punkt verurteilt worden.

Außerhalb des offiziellen Kongreßprogramms meldeten sich Kritiker deutlich vernehmbar zu Wort und sahen sich prompt massiven Behinderungen ausgesetzt.

Gegner der AIDS-Orthodoxie, die vor dem ICC-Haupteingang fast ununterbrochen mit - zum Teil provozierenden - Flugblättern und Transparenten ihre Argumente und Forderungen darstellten, waren physischen Angriffsversuchen durch Kongreßteilnehmer ausgesetzt, denen sie nur mit Hilfe anwesender Polizisten entgehen konnten. Am vorletzten Kongreßtag entrissen ihnen deutsche ACT UP-Aktivisten einen Stapel Handzettel und eine den Boykott von Wellcome verlangende Spruchtafel und verbrannten diese, wofür sich später Mitglieder von ACT UP USA entschuldigten. Zwar war für diesen Übergriff die Kongreßleitung nicht direkt verantwortlich, diese hatte jedoch zuvor bereits unter Hinweis auf ihr Hausrecht die Flugblattverteiler auf einen Platz vor dem Gebäude verbannt. Peter SCHMIDT, einem freien Fernsehjournalisten, der die Tätlichkeiten mit einer Videokamera aufzeichnete, entwendeten Polizisten diese und löschten widerrechtlich seine Aufnahmen.

SCHMIDT, der im Offenen Kanal Berlin regelmäßig kritische AIDS-Sendungen ausstrahlt, war eine Akkreditierung verweigert worden. Als Gast des Journalisten LAURITSEN hielt er sich zwar vorübergehend im Gebäude auf, mußte dieses aber nach wenigen Stunden auf Anweisung der Kongreßleitung verlassen.

Innerhalb des ICC hatte LAARHOVEN einen Informationsstand aufgebaut, auf dem insbesondere Exemplare von Rethinking AIDS, der Zeitschrift der Group for the Scientific Reappraisal of the HIV/AIDS Hypothesis, auslagen. Verteter der Kongreßleitung zwangen ihn zum Abräumen des nicht genehmigten Standes, während zwei andere, ebenfalls ungenehmigte Tische zunächst geduldet wurden und erst nach LAARHOVENs Rückfrage bezüglich dieser Ungleichbehandlung entfernt werden mußten. Wie er erfuhr, erteilten Verantwortliche den andern beiden Gruppen die Erlaubnis, am nächsten Tag an anderer Stelle ihre Materialien erneut zu präsentieren, verbunden mit der Bitte, LAARHOVEN nichts davon zu sagen. Paradoxerweise gehörte hierzu auch das English Collective of Prostitutes, eine Prostituierten-Selbsthilfeorganisation, die ebenfalls die Virus-Hypothese anzweifelt, was der Kongreßleitung scheinbar entgangen war, denn die Konferenzzeitung erwähnte die Gruppe ohne Hinweis auf deren kritische Position. Als LAARHOVEN, ebenfalls am Folgetag, einen erneuten Versuch unternahm, die Schriften auszulegen, hatte dies den Entzug seiner Akkreditierung und Hausverbot als Konsequenz. Für den Fall der Zuwiderhandlung drohte ihm HABERMEHL an, ihn des Landes verweisen zu lassen(!). Anzumerken ist, daß LAARHOVEN fristgerecht die Genehmigung nichtkommerzieller Ausstellungsfläche beantragt hatte, die man ihm aus "Platzgründen" verweigerte.

Für den 10. 6. hatte der Ostdeutsche Rundfunk Brandenburg (ORB) Mitarbeiter des "Projekts Kritische AIDS-Diskussion", eines Tutoriums der FU Berlin, als Teilnehmer zu einer Fernsehdiskussion über AIDS-Prävention ins ICC eingeladen. Doch erhielten dann diese Gäste keinen Zutritt mit der Begründung, fünf Minuten vor Aufzeichnungsbeginn sei bei der Kongreßleitung ein Hinweis eingegangen, sie hätten die Absicht, zu randalieren. Ihre Beteiligung sollte nur unter massivem Polizeischutz möglich sein, was der ORB ablehnte.

Nachdem kritische Journalisten vor der Abschlußpressekonferenz am 11. 6. an ihre Kollegen eine Presseerklärung verteilt hatten, die einige der Angriffe auf die Diskussionsfreiheit beschrieb, sah sich HABERMEHL zu einer Stellungnahme veranlaßt. Die Angegriffenen seien Leute, die nicht daran interessiert seien, gegen AIDS zu arbeiten, sondern über AIDS zu reden, dabei meist nur ihre persönlichen Probleme repräsentierten und alles stören würden. Als John LAURITSEN, homosexueller Bürgerrechtler, HABERMEHL aufforderte, sich für die Attacken und Zensurmaßnahmen zu entschuldigen, lehnte er dies kategorisch ab. Celia FARBER, Mitherausgeberin von Rethinking AIDS, fragte ihn daraufhin, ob er dabei bleibe, oppositionelle Wissenschaftler als geistesgestört zu bezeichnen. Zu diesen Wissenschaftlern gehöre immerhin auch Kary MULLIS, der die Polymerase-Ketten-Reaktion entwickelte (11). Offensichtlich verlegen gestand HABERMEHL jetzt zu, sich nach einem so anstrengenden Kongreß im Ton vergriffen zu haben und ersetzte "geistesgestört" durch "bizarr".

Den Verlauf dieses Kongresses empfinde ich als kennzeichnend für ein Klima von Dogmatismus und Intoleranz, das die wissenschaftliche und erst recht die öffentliche Diskussion um AIDS beherrscht. Die Massenmedien ignorierten in den vergangenen Jahren - von wenigen Ausnahmen abgesehen - entweder die Argumente kritischer Wissenschaftler oder gaben diese entstellt und in feindseligem Tenor wieder. Inzwischen mehren sich Reaktionen auf die Herausforderung der Dissidenten, wobei es sich weiterhin meist um Versuche handelt, vor allem DUESBERGs Argumente zu entkräften, die dann nach wie vor in kaum
wiederzuerkennender Form zitiert werden (12). Dennoch sehe ich damit die Chancen wachsen, eine Revision zu Glaubenssätzen geronnener Hypothesen in Angriff zu nehmen. Damit wäre nicht nur den zur Hoffnungslosigkeit verurteilten Betroffenen gedient, sondern auch einer durch apokalyptische Visionen geängstigten Bevölkerung und nicht zuletzt einer Wissenschaft, die, wenn sie diese Bezeichnung verdienen soll, auf eine Atmosphäre schöpferischer Freiheit angewiesen ist.


Anmerkungen

1 Siehe WALTER (1992) und Leserbrief dazu von BLEES (1993). DUESBERG hat die genetische Struktur von Retroviren entschlüsselt, also des Virustyps, zu dem auch HIV gehört.
2 John MADDOX, Herausgeber des britischen Wissenschaftsmagazins "Nature", hat es kürzlich (MADDOX 1993) jedoch abgelehnt, DUESBERG eine Antwort auf einen gegen ihn gerichteten Artikel zuzubilligen.
3 Eine diesbezügliche Untersuchung des Aufsichtsbüros der National Institutes of Health hatte für ihn und Mitarbeiter seines Labors eine Rüge wegen wissenschaftlichen Fehlverhaltens zur Folge, verbunden mit der Empfehlung, sein Labor für 3 Jahre zu überwachen (FR 2.1.93).
4 DUESBERG (1992 b) hat allerdings Forschungsdaten zusammengetragen, die sehr wohl eine wirkungsvolle Virusneutralisierung durch Antikörper zeigen, so daß HIV selbst bei vielen schwerkranken AIDS-Patienten kaum nachweisbar ist.
5 Zum der Gentechnik zugrundeliegenden Weltbild siehe STEMBERGER (1992).
6 AZT wurde 1987 in den USA und dann weltweit aufgrund der FISCHL-Studie zugelassen, die als Doppelblindstudie dramatische therapeutische Vorteile zu zeigen schien. In der Folge stellte sich heraus, daß der Doppelblindcharakter schon kurz nach Studienbeginn nicht mehr gewährleistet war und falsche Daten in erheblichem Umfang in die Auswertung eingeflossen waren (LAURITSEN 1990).
7 DUESBERG (1992 a, 1992b) stellt die Langzeitvergiftung mit Drogen ins Zentrum seiner Alternativhypothese und kritisiert an den üblichen Präventivmaßnahmen unter anderem, daß sie vernachlässigen, was alles durch die dann sauberen Nadeln fließt.
8 Der Aufnahme von Muttermilch kommt wegen der darin enthaltenen Immuneiweiße eine zentrale Funktion beim Infektionsschutz von Säuglingen zu (SPILLER 1993).
9 Dieser Möglichkeit widerspricht nach Hinweisen von DUESBERG (1992 b) die Zugehörigkeit aller HIV-Varianten zum selben Virusstamm, sie sind isogen, von prinzipiell gleicher genetischer Struktur.
9a Zusatz 2002: Nach zwei Fusionen ist Wellcome mittlerweile in den Pharmakonzern SmithKline Beecham aufgegangen, der damit auch die AZT-Produktion fortführt.
10 Für eine Minderheit von ACT UP - Mitgliedern trifft dies nicht zu. Zusatz 2002: In den Jahren seither hat der kritische ACT UP – Flügel an Stärke und Kontur gewonnen und prägt teilweise das Bild von ACT UP in der Öffentlichkeit.
11 Die Polymerase-Ketten-Reaktion ermöglicht den Nachweis geringster Virusspuren und zählt zu den wichtigsten Verfahren der HIV-zentrierten AIDS-Forschung. MULLIS vertritt die Auffassung, das Aufspüren von HIV mittels dieser Technik sage nichts darüber aus, ob sein Vorhandensein auch Krankheiten erzeugen könne.
12 So hat die Deutsche AIDS-Hilfe (LÜDEKE & WIENOLD, 1993) eine umfangreiche, zahlreiche direkte Falschaussagen enthaltende Broschüre zur DUESBERG-Kritik vorgelegt.


Literatur

BLEES, K, (1993): AIDS und Demokratie. Gestalt Theory 15, S 58-59.
DUESBBRG, P. H. (1992 a): The role of drugs in the origin of AIDS. Biomedicine & Pharmacotherapy46, S. 3-15. (Deutsche Fassung:
Die Rolle von psychoaktiven Drogen und Medikamenten bei AIDS
DUESBERG, P. H, (1992 b): AIDS acquired by drug consumption and other noncontagious riskfactors. Pharmacology & Therapeutics 55, S. 201-277.
LAURITSEN, J. (1990): Poison by Prescription - The AZT Story. New York: Asklepios Press.
LAURITSEN, J. (1993): Dissent at the Berlin AIDS Conference. Rethinking AlDS 7, 1993, S. 2.
LÜDEKE, E. & WIENOLD, M. (1993): Alles Lüge? Argumente zur Aids-Kritik. Berlin: Deutsche AIDS-Hilfe e.V.
MADDOX, J. (1993): Has Duesberg a right of reply? Nature 363, S. 109.
SPILLER, W. (1993): Mythos Milch. Fit für's Leben, 4/1993, S. 5-6 u. 12-13.
STEMBERGER, G. (1992): Gentechnologie und Menschenbild. Gestalt Theory 14, S. 68-84.
WALTER, H.-J. (1992): Wir haben AIDS. Gestalt Theory 14, S. 280.

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