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Geschichte der Medizin: "das Kaposi-Sarkom"

von Siegbert Setsevits, Berlin


beim Verfasser (1994, 2002)


Der Namensgeber - Die 'Entdeckung' - Die Ursachenforschung - Anatomie einer Epidemie - Schluß

 

Zusammenfassung / Summary

Seit 1981, als es von den Centers for Disease Control zum Bestandteil einer angeblichen neuen Krankheitseinheit namens "AIDS" erklärt wurde, ist "das Kaposi-Sarkom" quasi in aller Munde. Die Mehrzahl der Mediziner und medizinischen Laien glaubt seither auch zu wissen, worum es sich dabei handelt: um einen infektiös verursachten und in den Industriestaaten auch "Schwulenkrebs" genannten Tumor, der unweigerlich zum Tode führt. Bei näherer Prüfung ist keine dieser Aussagen zu halten. Der Autor beschreibt zunächst Moriz Kaposi, den angeblichen 'Entdecker' des nach im benannten angeblichen 'Sarkoms', als einen sehr überschätzten Mann und legt dar, warum es keinen Grund gibt, diese 'Entdeckung' zu rühmen. Insbesondere schildert er zahllose, seit dem Ende des 19. Jahrhunderts unternommene Anstrengungen, eine infektiöse Ursache für diese angebliche Krankheitseinheit zu finden, und bewertet sie als absolut sinnlos.

In 1981 the Centers for Disease Contol made "Kaposi's sarcoma" an essential part of an alleged new disease entity called "AIDS". Ever since the majority of medical professionals as well as others have claimed to know what that means: an infectiously caused tumor, in industrialized countries also known as "gay cancer", that necessarily leads to death. However, further investigation shows that none of these assertions is tenable. The author first describes Moriz Kaposi, the alleged discoverer of a 'sarcoma' named after him, as a much overestimated man. Furthermore, he demonstrates why there is no reason to praise the 'discovery'. In particular, he mentions endless efforts since the end of the 19th century to find an infectious cause for the alleged clinical entity and calls them totally useless. Finally, the author concludes that the history of 'Kaposi's sarcoma' helps to understand a quotation from U.S. physician Oliver Wendell Holmes sen. who in 1883 wrote he strongly believed that "sinking the whole materia medica as it is applied now to the bottom of the sea, would be an advantage to mankind and a disadvantage to the fish." ( 92 )


 

I. Der Namensgeber

Der Name Kaposi bezieht sich auf den Wiener Syphilidologen und Dermatologen Moriz Kaposi , der ursprünglich Moriz Kohn hieß, den Namen jedoch 1871 ablegte, um so die karrierefördernde Aufgabe seiner jüdischen Identität zu dokumentieren. Moriz Kaposi (1837-1902) soll "der Grössten einer" ( 1 ) gewesen sein und war tatsächlich doch nicht viel mehr als ein Protegé des Wiener "Papstes" der Dermatologie, seines Chefs und Schwiegervaters Ferdinand Hebra (1816-1880). Dessen "Wort" besaß für viele Dermatologen seiner Zeit das Gewicht der "Wahrheit", und "die Doktrin der von ihm begründeten Schule" stellte das "dermatologische Evangelium" ( 2 ) dar. "Bewundernd", jubelten die Festtagsredner, "stehen wir vor dem Werk Hebras, fast zu viel erscheint es uns für eines Menschen Kraft, was er geleistet" ( 3 ). Wie Ferdinand Hebra eine derartige Stellung erlangen konnte, ist nicht klar. Denn er selber war im Grunde auch nicht mehr als ein - im Umgang mit Patienten und Ärzten als rücksichtslos geschilderter ( 4 ) - dermatologischer Autodidakt, der genug Selbstvertrauen besaß, um die vorgefundene Lehre quasi für abgesetzt zu erklären und die eigene Auffassung an deren Stelle zu setzen. Dieser Umstand macht auch die Äußerung eines namhaften zeitgenössischen Kritikers, des amerikanischen Chirurgen Samuel Gross (1805-1884), verständlich, wonach Hebra "mehr als jede andere lebende Lehrautorität" zur Konfusion beim Studium der Hautkrankheiten beigetragen habe. ( 5 ) Noch unbegreiflicher als Hebras "päpstliche" Stellung will die Tatsache erscheinen, daß auch Moriz Kaposi Autorität erlangte. Ihn disqualifiziert bereits die Feststellung, daß ihn "sein temperamentvolles Wesen bisweilen vorschnelle Diagnosen" ( 6 ) habe stellen lassen. Rezensenten seiner gedruckten Arbeiten beanstandeten wiederholt deren "mangelhafte Correctur" ( 7 ) oder auch "viele, oft sinnstörende Druckfehler" ( 8 ) darin - und stellten damit klar, daß Angaben des Autors nicht blind vertraut werden könne. Außerdem nahm Kaposi für sich das Recht in Anspruch, den eigenen Standpunkt auch ohne Angabe von Gründen beliebig oft verändern zu können. ( 9 ) "Wir Kliniker", lautete ein Ausspruch von ihm, "sind ... nicht immer positive Naturforscher, wir sagen einmal so, einmal so". ( 10 )

Kaposi soll die unter Medizinern stets grassierende "Sucht, neue Krankheiten entdecken zu wollen", belächelt haben und "der Schaffung neuer Krankheitsbilder, besonders seitens anderer" im Grunde genommen "nicht hold" gewesen sein. (
10 ) Tatsache ist, daß er, genauso wie Ferdinand Hebra , eifrig darum bemüht war, selber als Entdecker unbeschriebener Krankheitsbilder in die Medizingeschichte einzugehen. Wie Hebra gestattete auch er sich, ein Krankheitsbild schon dann als selbständig zu beschreiben, wenn er glaubte, es morphologisch von anderen unterscheiden zu können. Der Standpunkt war zwar fragwürdig, aber bequem, und er erlaubte, eine "Entdeckung" nach der anderen zu melden. Jede dieser fragwürdigen "Entdeckungen" wurde bejubelt, und drei davon wurden ihm post mortem wieder aberkannt - weil sie "strenger Kritik" niemals hätten standhalten können. ( 10 )



II. Die 'Entdeckung'

Die "Entdeckung", um die es an dieser Stelle eigentlich geht, hat Kaposi im Jahre 1872 zum erstenmal gemeldet. Eine entsprechende Beschreibung findet sich sowohl im Archiv für Dermatologie und Syphilis , der Hauszeitschrift der "Wiener Schule" (Bd.4, S.265-273), als auch, fast wortgleich, in der 1872 herausgebrachten 2.Lieferung des von Hebra und ihm verfaßten Lehrbuchs der Hautkrankheiten ( Virchows Handbuch der speciellen Pathologie u. Therapie , Bd.3). Offenkundig ist auch, daß die von ihm verwendeten Einzelfälle längst nicht mehr aktuell waren. Das gestattet die Vermutung, daß die "Entdeckung" für das Lehrbuch gemacht wurde. Entscheidend ist, wie der "Entdecker" sie begründet:

Am Anfang steht dabei seine Behauptung, fünf gleich gelagerte Fälle einer idiopathischen, d.h. selbständigen Krankheit vorstellen zu können, welche "innerhalb einer kurzen Frist von 2-3 Jahren" unweigerlich zum Tode führe, jedenfalls aber "nach den vorliegenden Erfahrungen" als "lethal gelten" müsse. Wirklich verstorben war dem Autor zufolge aber nur ein einziger dieser Patienten, während er von den restlichen vier nichts zu berichten weiß, was auf einen bedrohlichen Zustand schließen lassen würde. Davon abgesehen war jener eine Patient bereits nach einer Krankheitsdauer von gut 15 Monaten verstorben, was heißt, daß es auch für die Festlegung einer Überlebenszeit von 2-3 Jahren keine Stütze gibt. Lebensgeschichtliche Daten der 5 Patienten fehlen nahezu vollständig, und bemerkenswert ist auch, daß kürzer zurückliegende Fälle noch ungenauer beschrieben sind als länger zurückliegende. Zu immerhin 2 von 5 Patienten vermag der "Entdecker" nicht einmal Namen und Alter anzugeben - obgleich er sie beide untersucht haben will. Im Mittelpunkt der Beschreibung stehen knotenförmige Geschwülste in der Haut, welche zuerst an den Füßen, danach an den Händen und dann erst an anderen Teilen des Körpers aufträten. Aber auch die Angabe täuscht. Kaposi bezeichnet den beschriebenen Ereignisablauf zwar flink als einen "regelmäßigen", hat diesen tatsächlich jedoch allenfalls in 2 der 5 Einzelfälle beobachten können. Auch die Einordnung der Geschwülste macht ihm nicht die geringste Mühe. Zwei Gewebeproben des 1.Patienten unter dem Mikroskop genügten, und gleich war das "Gebilde als kleinzelliges Sarkom erkannt". Dem schließt sich die genauso apodiktische Behauptung an, daß es bei einem 2.Fall "den gleichen Befund" gegeben habe, und mehr hat er zur Histologie nicht mitzuteilen. Zweifel an der Richtigkeit dieser Angaben rühren jedoch nicht bloß aus deren apodiktischer Natur her. In den Jahresberichten des Krankenhauses, wo die 3 stationär behandelten Fälle erwähnt sein müßten, taucht Fall 1 ganz kurz, Fall 2 genauer und Fall 3 gar nicht auf. Fall 1 wird dort ( Aerztlicher Bericht des k.k. allg. Krankenhauses zu Wien für 1868, S.222) ganz kurz als Melanosarkom erwähnt, das zunächst als Elephantiasis diagnostiziert worden sei und zusammen mit einem gleichgelagerten weiteren Fall später einmal erörtert werden solle. Bei dieser Gelegenheit wird, anders als 1872, auch noch keineswegs suggeriert, daß der Patient die Klinik sterbend verlassen habe; vielmehr wird bloß nüchtern erwähnt, daß der Mann sich "sehr bald" der "weiteren Beobachtung" entzogen habe, indem "er das Spital verliess". Fall 2 ( Aerztlicher Bericht des k.k.allg.Krankenhauses zu Wien für 1869, S.40 u. 234) wird demgegenüber gleich als Melanosarkom beschrieben, wobei auffällt, daß die später behauptete histologische Untersuchung in der Beschreibung nicht vorkommt.

Das Ganze nannte Kaposi "idiopathisches multiples Pigmentsarkom der Haut", eine "typisch-klinische Form des Pigmentsarkoms der Haut". Ob diese "Absonderung" ätiologisch Sinn machte oder nicht, kümmerte ihn nicht. Ob seine "Entdeckung" sich von dem durch Isidor Neumann , einen anderen Hebra -Schüler, bereits 1869 kurz beschriebenen "Pigment-Sarcom" unterschied oder nicht, kümmerte ihn genausowenig; die Beschreibung wird nicht einmal erwähnt. Und auch von anderen Verwechselungsmöglichkeiten wollte er nichts wissen. Nur so ist zu erklären, weshalb er erst Jahre später diagnostische Schwierigkeiten in "erheblichem Masse" an seiner "Form" bemerkte - und plötzlich mitteilte, daß eine Verwechslung mit Syhpilis, Lupus und Lepra, zumindestens zeitweise, "sehr leicht möglich wäre" (z.B. 1887).

Die Fachwelt reagierte auf Kaposis "Entdeckung" mit Schweigen. Bis zu den ersten Publikationen, die darauf Bezug nahmen, vergingen Jahre. Allerdings dachte keiner der Autoren daran, die Unschlüssigkeit der Darstellung zu bemerken. Ihnen ging es lediglich darum, Fälle zu sammeln, die die "Entdeckung" bestätigen sollten. Was dabei herauskam, war ein unglaubliches Durcheinander. Während Kaposi nach geraumer Zeit beispielsweise von "erheblichen" diagnostischen Schwierigkeiten wissen wollte, wollten andere davon gar nichts bemerkt haben - die "Diagnose des Leidens", erklärte Halle (1904) z.B., sei "nicht schwierig".

"Charakteristisch" sei, erklärte nach Kaposi u.a. auch August Halle (1904), "vor allem der Beginn des Leidens an den Händen und Füßen". Drei Jahrzehnte später teilte Kren mit gleicher Selbstverständlichkeit mit (
11 ), daß es nicht zur Charakteristik gehöre, "daß es zugleich an Händen und Füßen beginnt, sondern die Beobachtung ergibt ..., daß es auch mit einem einzigen Knoten beginnen kann, der ... irgendwo an einem extremen Körpergebiet einsetzt". Daß die gegenteilige Behauptung niemals belegt worden war, überging auch er.

Was Kaposi ohne irgendwelche Mühe als Sarkom "erkannt" haben wollte, wollten andere völlig anders verstanden wissen. Große Anziehungskraft übte insbesondere die Deutung als Granulom aus, obwohl irgendwelche Anzeichen "einer Entzündung oder Granulombildung nicht zu finden waren". (
12 ) Hinzu kam, daß der Ausdruck "Sarkom" für eine - mit "Krebs" häufig einfach gleichgesetzte Geschwulst - ohnedies wenig bis nichts besagte. Schon Rudolf Virchow hatte eine "Verwirrung der Sprache" diagnostiziert, bei der "eine Verständigung beinahe ganz unmöglich schien, und wobei jeder ziemlich willkürlich denselben Namen auf die verschiedensten Gewächse in Anwendung brachte. ... Man meinte, es bliebe nichts übrig, als einen so viel gemissbrauchten und so unsicheren Namen" wie den des Sarkoms "ganz und gar abzuschaffen ..." ( 13 ) Virchow definierte den Begriff daraufhin noch einmal um, versuchte also, diesem durch eine engere Fassung die Existenzberechtigung zu erhalten. Viel erreichte aber auch er nicht. Jedenfalls konnte Borst ungefähr vierzig Jahre später noch immer schreiben:

"Man hat zu jeder Zeit Versuche gemacht, den Namen Sarkom aufzugeben; auch neuerdings haben sich solche Vorschläge hören lassen, die vor allem darauf hinweisen, dass der Name Sarkom über die Natur der Neubildung nichts anzugeben vermöge. Das ist gewiss richtig und verhält sich hier nicht anders wie beim Carcinoma, dem Krebs, den die Phantasie der alten Autoren erfand, weil ihnen die äussere Form der Geschwülste noch ein Schlüssel zu sein schien für ein tieferes Eindringen in das Wesen der Sache." ( 14 )

Schon daran sollte deutlich werden, daß Kaposi überhaupt nichts "erkannt" hatte.

Während Kaposi 1872 bloß runde Zellen gefunden haben wollte, bemerkten andere nur spindenförmige Zellen (z.B. Bernhardt , 1902) - und wieder andere wollten beide Formen festgestellt haben. Auch der Streit hätte nicht sein müssen - wenn und soweit man davon ausging, ein Sarkom vor sich zu haben. Rudolf Virchow hatte - insbesondere, aber nicht nur im Hinblick auf Melanosarkome schon 1863 mitgeteilt:

"Erreicht die Pigmentirung einen sehr hohen Grad (wie von Kaposi und anderen geltend gemacht, d.V.), so zeigen freilich fast alle Zellen eine grosse Neigung, rund zu werden, und daher kommt es, dass man so häufig in den jüngeren Sarkomen nur spindelförmige, in den älteren nur runde oder ein Gemisch von beiden vorfindet. Ein krebsiger Zug ist durch die Rundung an sich nicht ausgesprochen." ( 15 )

Behaupteten die einen, daß ausschließlich ältere Menschen betroffen seien, gaben andere das Gegenteil an. Während die einen eine Anhäufung von Erkrankungen unter Menschen semitischer Herkunft festgestellt haben wollten (z.B. Bernhardt , 1902 (16)), sagten andere, daß sich eine solche Behauptung gar nicht begründen lasse ( Dalla Favera , 1911 ( 17 )).

Hinzu kam, daß Kaposi selber hin und wieder neue "Einsichten" verkündete - und jedesmal verlangte, daß ihm blind geglaubt werde. Den Überlebenszeitraum der Patienten etwa hatte er 1872, erkennbar willkürlich, auf 2-3 Jahre festgesetzt. 1887, in der 3.Auflage seines Lehrbuchs, wußte er bereits von "etwa ... 3-5 Jahre(n) und darüber" zu berichten. 1894 änderte er seine Meinung dann ein weiteres Mal und verkündete den Teilnehmern eines Kongresses, daß die Patienten "oft erst nach 6-8 Jahren" (
18 ) zu versterben pflegten. Knapp 40 Jahre später konnte Kren dann resümieren: Nach Kaposi

"sind Fälle bekannt geworden, die eine Krankheitsdauer von 30 und mehr Jahren hatten, und ein Fall eigener Beobachtung starb ... im 48.Krankheitsjahr. Man sieht also, daß der Verlauf ein relativ rascher und ein äußerst protrahierter (verzögerter, d.V.) sein kann. Wenn der Kranke nicht früher an einer anderen Krankheit zugrunde geht, stirbt er letzten Endes an dem Sarcoma Kaposi. Es ist damit fast Geschmackssache, eine solche Krankheit als prognostisch infaust (ungünstig, d.V.) oder noch als gutartig zu bezeichnen. Eigentlich stirbt jeder Kranke eines Sarcoma Kaposi an dieser Erkrankung, es fragt sich nur, ob er dieses Krankheitsende erlebt." ( 19 )

1894, anläßlich der bereits einmal erwähnten Tagung, rückte Kaposi überdies auch von der Behauptung, ein Sarkom entdeckt zu haben, recht eindeutig wieder ab. Wie er doch schon seit dem Vorjahr lehre, handele es sich nur um eine "sarcomähliche" oder sarkoide Geschwulst. Da sie einem Sarkom aber doch nun einmal "am nächsten" stünde, solle man sie eben auch weiter so nennen und wie ein solches behandeln. Unverändert beibehalten wollte er die frühere Namenswahl dennoch nicht. Sie brächte die Erkrankung nur anderen Krankheitsprozessen "ungebührlich" nahe. Man möge künftig statt vom "Pigmentsarkom" zu reden, "hämorrhagisches Sarkom" sagen. ( 18 ) Verständigen konnte man sich freilich weder auf diesen noch auf irgendeinen anderen Namen, und das erklärt, weshalb gegen Ende des Jahrhunderts immerhin schon ein gutes Dutzend synonym verwendeter und einander zum Teil grob widersprechender Bezeichnungen für die "Entdeckung" existierte.

War das kein Durcheinander? Kaposi behauptete, ganz ungerührt, daß der "Typus dieser Krankheitsform ... thatsächlich in Allem und Jedem scharf gemeisselt ..." (
18 ) sei, und er an der Charakteristik dieser "merkwürdigen Krankheit" niemals "in irgend einem wesentlichem Punkte" etwas habe ändern müssen (Rom, 1894). Und so, plapperte sein ehemaliger Assistent Spiegler ihm nach, stünde "heute noch Wort für Wort unwandelbar fest wie in der ersten Publication". ( 1 )



III. Die Ursachenforschung

Noch vor der Jahrhundertwende war auch die Ursachenforschung zu der angeblich "unsterblichen Leistung" ( 5 ) Kaposis in Gang gekommen. Hierbei standen zwei Vorstellungen eindeutig im Vordergrund, die traumatische und die infektiöse. An eine traumatische Ursache wurde bei einem vermeintlichen Sarkom quasi gewohnheitsmäßig gedacht, und deswegen geschah es auch hier sogleich. Wie nicht anders zu erwarten, ließ die erste konkrete Verdächtigung auch in diesem Fall nicht lange auf sich warten und mußte anschließend gleich wieder vergessen werden, weil man wieder einmal zu rasch verallgemeinert hatte. Wieder einmal hatten die Recht behalten, die auf solcherlei Resultate von vornherein nichts gaben. Denn diese erklärten

"sich einerseits aus der kolossalen Häufigkeit der Traumen überhaupt und zweitens aus dem tiefgewurzelten Bedürfnis des Menschen, spontan entstandene Krankheiten, in deren Wesen ihm ein tieferer ätiologischer Einblick zunächst nicht möglich ist, mit irgendwelchen erlebten äusseren, greifbaren Schädlichkeiten in Zusammenhang zu bringen. Dieses naive Kausalitätsbedürfnis ist aber derart erfindungsreich, dass man aus darauf errichteten Statistiken keine weitgehenden, ernsten, wissenschaftlichen Schlussfolgerungen ziehen sollte. Dem Trauma kommt eine direkte ätiologische Bedeutung für die Sarkombildung ebensowenig zu, wie für irgend eine andere echte Geschwulst." ( 20 )

Die infektiöse Ursachenvorstellung tauchte spätestens im Jahre 1895 zum erstenmal in der Literatur auf: Philippson und Török ordneten das vermeintliche Sarkom in ihrer seinerzeit erschienenen Allgemeinen Diagnostik der Hautkrankheiten einfach versuchsweise unter die Infektionskrankheiten ein - und die "Erreger"-Suche" begann. Einen konkreten, irgendwie faßbaren Anhaltspunkt dafür gab es nicht. Das gilt es festzuhalten. Gefördert durch vermeintliche oder wirkliche Erfolge der Bakteriologie, war es nur einfach in Mode gekommen, für alles und jedes nach einem "Erreger" zu suchen. Ungezügeltes Phantasieren war an der Tagesordnung. Virchows Biograph Erwin Ackerknecht spricht in dem Zusammenhang noch sehr zurückhaltend von einem "maßlosen und unkritischen Enthusiasmus", der quasi alles überrollt habe. 1877, fährt Ackerknecht fort,

"mußte Virchow sogar die Verdauung als chemischen Prozeß verteidigen gegen den Versuch, sie rein bakteriologisch zu deuten. Wie überwältigend diese Richtung war, wird vielleicht am besten durch die Tatsache illustriert, daß selbst ein so kritischer Mann wie Virchow auf einige der Hunderte von 'kausativen Agentien', die damals jedes Jahr angekündigt wurden, hereinfiel. Virchow nahm Kebers Pocken-'Bakterien' ebenso wie den 'Beriberi-Bazillus' an." ( 21 )

Und die Geschwulsterkrankungen blieben von dieser Welle der Infektionsphantasterei selbstverständlich nicht verschont. Würmer und Pilze, Bakterien, Milben und Protozoen wurden abwechselnd mit dem Verdacht belegt, eine vermeintliche Krankheitseinheit namens 'Krebs' zu verursachen - und ein 1899 publizierter Aufsatz über die "Übertragbarkeit des Krebsparasiten auf Bäume" ( 22 ) veranschaulicht exemplarisch, wie es zuging. Warum also nicht auch Kaposis "Sarkom", das keines war, gleich mitverdächtigen? Hoc volo,sic jubeo, sit pro ratione voluntas ( Juvenal ). ( 23 ) Was genau gesucht werden sollte, war unklar und blieb es auch. Philippson ( 24 ) hatte zwar ganz ausdrücklich ein "Virus" ins Gespräch gebracht, die Wortwahl aber nicht näher erläutert, so daß angenommen werden kann, daß der Ausdruck für ihn lediglich ein unreflektiertes medizinisches Modewort darstellte.

Im Interesse der Idee wurden ungezählte Tierversuche durchgeführt. Gemeint sind damit (bis 1940) Versuche an Mäusen und Ratten, Kaninchen und Meerschweinchen, Hähnen und Hühnern, Hunden und jungen Katzen, Kanarienvögeln und Rhesusaffen. Man impfte nicht alleine subcutan und intramuskulär, sondern auch noch intraperitoneal und intratestikulär; selbst in die Augenkammern wurde geimpft. Wie nicht anders zu erwarten, blieb jeder Erfolg aus, so daß sich der medizinische Unverstand über Menschen hermachte. Kren referiert: "Außer den Tierversuchen wurden noch Überimpfungen auf den Patienten selbst durchgeführt. Es wurden Tumorstückchen subcutan in Hauttaschen der Extremitäten oder unter die Rückenhaut gebracht ( Dalla Favera , Arch.Derm.u.Syph .109 (1911) 387-440; Bothe , ZBl. Hauktr .2 (1921) 420; Gilchrist/Kreton , J.of cutan.Dis .34 (1916) 429; Alderson/Way , Arch.of Derm . 21 (1930) 671). Auch diese Versuche verliefen alle ergebnislos." (
25 )

Fortgesetzt bzw. wiederholt wurden solche Experimente natürlich trotzdem. Und auch die Resultate waren, natürlich, wieder dieselben, wie z.B. William Becker und Harold Thatcher einer Versammlung von Dermatologen am 30.April 1938 in New York City (
26 ) aus eigener Erfahrung berichten mußten. Auf einer anderen Tagung - die im November 1939 in Memphis stattfand - stand das KS ("Kaposi-Sarkom") dann schon wieder auf der Tagesordnung. Roger Choisser und Elizabeth Ramsey ( 27 ) berichteten über die Erfahrungen, die sie mit Versuchstieren und zwei Versuchs-Patienten gesammelt hatten und stellten fest: "Die ausnahmslos negativen Ergebnisse der Inokulations-Experimente deuten stark darauf hin, daß die Kaposi-Krankheit nicht infektiöser Natur ist. ..."

Ernüchterung kam auch in der Diskussion des Referats zum Ausdruck. Onis Hazel , einer der Diskussionsteilnehmer, befand sogar ausdrücklich, daß die infektiöse Theorie durch die Forschung "richtiggehend ausgeschlossen" worden sei. Andere hielten diesen Schluß, wie ein Wiley Forbus gleich anschließend verkündete, noch immer für verfrüht. Jeder wisse, daß auf "negative Resultate" kein Verlaß sei - da sie doch lediglich das Resultat schon bekannter Methoden darstellten. Damit aber war gesagt, daß ad infinitum weiter gesucht werden solle - und dürfe.

Das Interesse am KS verebbte. Erst nach der Publikation einer ersten Monographie hierzu durch Bluefarb im Jahre 1957 begann das Intersse wieder zu wachsen. Wenig später schon, im Mai 1961, fand dann in Kampala ein erstes, durch die International Union Against Cancer organisiertes und von dritter Seite ( Wellcome Trust , Pfizer Laboratories u.a.m.) überaus großzügig finanziertes KS-Symposion statt. Auf eine afrikanische Stadt war die Wahl nach Auskunft eines Tagungsteilnehmers wegen der angeblich "phantastisch hohen Inzidenz" des 'Kaposi-Sarkoms' "unter den Eingeborenen verschiedener Länder Äquatorial- und Südafrikas" gefallen. (
28 ) Es war auch kein blinder Zufall, daß man sich ausgerechnet in Kampala traf; die ugandische Hauptstadt war von weißen Forschungseinrichtungen längst schon zu einem der Zentren für die medizinische und pseudomedizinische Ausforschung des afrikanischen Kontinents ausgebaut worden. Hier gab es das vor Ausbruch des 1.Weltkriegs als Klinik für Geschlechtskrankheiten gegründete Mulago -Krankenhaus, eine 1924 gegründete medizinische Fakultät ( Makerere Medical School ) und ein Krebsregister, das ab 1951 mit Unterstützung der British Empire Cancer Campaign aufgebaut worden war.

Inhaltlich erbrachte die Kampala-Konferenz (
29 ), natürlich, nichts Neues. Was sie erwähnenswert macht, ist die Unredlichkeit der Argumentation, die auch dabei zutagetrat. J.N.P.Davies geißelte zwar die heillose Begriffsverwirrung beim KS, indem er die Zuhörer an ein geflügeltes Wort über das 'Heilige Römische Reich' ("Weder heilig noch römisch noch ein Reich") erinnerte und ausführte, daß erst einmal "eine Übereinkunft darüber" erzielt werden müßte, "was unter einem Kaposi-Sarkom als klinischer und pathologischer Einheit verstanden werden" solle. Denn:

"Innerhalb der letzten siebzig Jahre sind für diese Erkrankung wahrscheinlich mehr Namen vorgeschlagen worden als für jede andere, und selbst die Auflistung der Namen würde beachtlichen Raum in Anspruch nehmen. Die Mannigfaltigkeit der Namen bezeugt den völligen Mangel an grundsätzlicher Übereinkunft hinsichtlich dieser Einheit. Handelt es sich überhaupt um eine Einheit, und haben alle diese Autoren das Ganze oder nur einen Aspekt dieser Krankheitseinheit (!) beschrieben? ... Haben wir es mit einer einzigen Krankheit oder etwa mit einer Mehrzahl von Krankheiten oder aber (um einen derzeit modernen Ausdruck zu benutzen) mit einer Krankheit zu tun, welche ein breites Spektrum von klinischen und pathologischen Erscheinungsformen aufweist?"

Konsequenzen aus diesen Einsichten sollten jedoch nicht gezogen werden, wie Davies gleich selber bewies: in Afrika, meinte er, stelle die Erkrankung sehr wohl eine "klar abgegrenzte und leicht wiederzuerkennde klinische und pathologische Einheit" dar, so daß deren "Diagnose beim erwachsenen Afrikaner kaum zweifelhaft" sein könne. Die Tagungsvorsitzende Lauren Ackerman ergänzte, darauf aufbauend, daß das KS, wie das Erfahrungswissen der Tagungsteilnehmer lehre, in Teilen Afrikas extrem häufig und anderswo extrem selten sei. Das konnte nur wider besseres Wissen behauptet werden. Allein schon die von Davies geschilderten Schwierigkeiten schlossen definitiv aus, daß irgendwer im Besitz auch nur halbwegs verläßlicher Zahlen für Afrika und solcher für den damit zu vergleichenden Rest der Welt sein konnte. Hinzu kam, daß - auch für die Tropen - zahlreiche Verwechslungsmöglichkeiten diskutiert wurden. ( 30 ) Um halbwegs brauchbare Zahlen beschaffen zu können, hätte man zudem - wie die Tagungsteilnehmer sehr genau wußten - erst einmal die zahlreichen praktischen Schwierigkeiten aus dem Weg räumen müssen, die jeder Datenerhebung in Afrika im Wege standen:

"Der Name (des Patienten) oder die Einzelheiten seiner Schreibweise können zu verschiedenen Zeiten unterschiedlich angegeben und aufgezeichnet werden. ... Ein Patient kann seinen Namen während der Pubertät, aus Anlaß einer Eheschließung oder auch dann verändern, wenn er Oberhaupt einer Familie oder eines Clans geworden ist. Es kann auch ein falscher Name angegeben werden, und zwar in der Annahme, damit Unheil von sich abwenden zu können, oder um (aus sonstigen Gründen) die Identität zu wechseln ... Auch ein alphabetisches oder Namens-Register bewahrt nicht vor unrichtigen Personalien oder davor, den gleichen Patienten ... mehrmals zu registrieren. Die Schwierigkeit der Aufgabe wird noch dadurch vergrößert, daß die Zahl der gebräuchlichen Namen an manchen Orten recht begrenzt ist. Altersfeststellungen sind bei afrikanischen Patienten gleichfalls sehr schwierig, insbesondere deshalb, weil es für Afrikaner bis vor kurzem ziemlich unwichtig war, ihr Alter zu kennen."

Zumindestens bei Patienten, "die aus entlegenen Gegenden stammen und Sprachen sprechen, für die sich nur schwer ein Übersetzer finden läßt", kann das Alter "nur ungefähr geschätzt werden". Selbst die Aufnahme genauer Adressen der Patienten kan sich "als schwierig erweisen. Manche Patienten wissen schlicht nicht, wo sie geographisch gesehen leben ..." ( 31 )

Was die Tagungsvorsitzende Ackerman als "Erfahrungswissen" der Geladenen ausgegeben hatte, war realiter also nicht mehr als eine mächtige Wunschvorstellung, mit der zukünftig gearbeitet werden sollte. Auch die Tatsache, daß "diese Krankheit (noch nie irgendwo) experimentell reproduziert" worden war, irritierte sie überhaupt nicht. Vielmehr verband sie dieses Eingeständnis noch mit der barbarischen Empfehlung, die Patienten mit Senfgas (Lost) zu 'therapieren'.

Kurz nach dieser Tagung, am 1.3.1962, erhielt Uganda formal die Unabhängigkeit, und von da an verstärkten die USA ihr 'Engagement' in diesem Lande ganz erheblich, und das NCI war mit von der Partie. Das Institut gründete in Kampala ein mit der Makerere Medical School verbundenes Behandlungs-Zentrum für Lymphome, fand das aber unzureichend und benannte es in Uganda Cancer Institute (UCI) um. Dazu teilt die offizielle NCI -Geschichtsschreibung mit:

"Direktor des Uganda Cancer Institutes ist Dr.John Ziegler, ein Angestellter des NCI. Den Kern des medizinischen Personals bilden drei Angehörige des NCI. Die am Uganda Cancer Institute studierten Krankheiten sind das Burkitt-Lymphom, das Hepatom, das Melanom und das Kaposi-Sarkom. Die momentan vorhandene politische Lage (nach dem Sturz des Machthabers Milton Obote durch Idi Amin am 25.Januar 1971 - d.V.) hat uns nun leider gezwungen, unser Engagement dort einzuschränken und Dr.Ziegler und seine Mannschaft zurückzu rufen ..." ( 32 )

Das Gastspiel des späteren "AIDS"-Apologeten Ziegler beim UCI dauerte der offiziellen Darstellung zufolge von 1967 bis 1972, und der Schwerpunkt der Aktivitäten des UCI soll während dieser Zeit auf "experimenteller Chemotheraphie und klinischer Pharmakologie" gelegen haben. ( 32 ) Bei diesen Aktivitäten handelte es sich auch keineswegs um die einzigen oder gar ersten des NCI auf afrikanischem Boden. Im Kongo (ab 1971 Zaire) zum Beispiel war mit seiner Hilfe schon von 1959 bis 1960 nach KS-Fällen gesucht worden. Warum sich die 'Forscher' ( Clemmesen, Maisin, Gigase ) dafür ausgerechnet die Umgebung des Krankenhauses von Katana (45 km nördlich von Bukavu) ausgesucht hatten, blieb unerklärt, und auch der ziemlich plötzliche Abbruch der Suche (1961, vor der Kampala Konferenz) wurde nie erklärt. Die Zahl der zusammengetragenen Fälle, hieß es später leicht widersprüchlich, habe zwar eine große Häufigkeit des KS "bestätigt", für die Erstellung "verläßlicher" Inzidenzangaben sei sie indessen doch zu gering gewesen. ( 33 )

Ab Mitte der sechziger Jahre etwa wurde, wie anderswo schon erwähnt, die Geschwulstforschung in ständig zunehmendem Maße wieder von immunologischen Theorien beeinflußt. Symptomatisch hierfür erscheint die 1967 publizierte Empfehlung "rasch voranschreitende oder ungewöhnlich ausgedehnte" - also vorselektierte - KS-Fälle doch "auf immunologische Defekte" untersucht werden sollten. (
34 ) Ähnliches war im selben Jahr auch im Lancet zu lesen, der dem "mysteriösen Sarkom" einen Leitartikel widmete und dabei auch den fulminanten Verlauf derjenigen Fälle erwähnte, in denen eine Beteiligung der Lymphknoten vorgelegen haben sollte. Das Resümee des Autors konnte freilich wieder einmal nur negativ ausfallen: "Auch im Jahre 1967" ist die Ursache dieser Erkrankung "noch unbekannt, ihre Entstehungszelle nicht identifiziert, ihre Natur unklar, ihre Definition unmöglich, ihr Fortschreiten variabel und unvorhersagbar." ( 35 ) Für Ziegler und Mitarbeiter existierte kein Problem; sie meldeten sehr bald Fortschritte. Beim KS handele es sich erkennbar um zwei Krankheiten bzw. Verlaufsformen, eine gutartige und eine bösartig-fulminante, die allem Anschein nach mit einem Verlust an 'zellulärer Immunität' einhergehe. ( 36 )

Zu Beginn der siebziger Jahre wurden die Anstrengungen dann noch einmal verstärkt. Der von Nixon ausgerufene "Krieg gegen den Krebs" ließ die Fördermittel (nach innen wie außen) derart reichlich abfließen, daß neue Projekte fast wie Pilze aus dem Boden schossen. Hieran beteiligte sich auch eine Organisation der WHO - die International Agency for Research on Cancer oder IARC . "Mit finanzieller Unterstützung des NCI" - formulierte deren Direktor John Higginson anläßlich einer Tagung im Juni 1971 - hat unsere Organisation "in mehreren Ländern mit Vorhaben begonnen", die "die ätiologische Rolle von herpes-artigen Viren beim menschlichen Krebs" untersuchen sollen. ..." (
37 ) Higginson berichtete - natürlich - von Anfangserfolgen, und die 147 Teilnehmer des Symposions (darunter Dunkel, Manaker und Moloney vom NCI, die Henles, A.J. Nahmias, F.Rapp, Burkitt, Zur Hausen und Vertreter der Firma Wellcome ) applaudierten. Auch mit einem von der IARC mitfinanzierten weiteren KS-Projekt - unter der Leitung von Gaetano Giraldo - wurde sogleich begonnen. Begründung: "Ein wichtiges Ziel der Krebsforschung beim Menschen ist es, neue Viren zu isolieren und deren onkogene Potenz zu demonstrieren. ... Auf der Suche nach Viren, die sich mit bösartigen Erkrankungen beim Menschen in Verbindung bringen lassen, stellt das Kaposi-Sarkom ein interessantes Modell dar." ( 38 )

Daneben gingen, natürlich, im Rahmen des Special Virus Cancer Program des NCI Versuche weiter, "das Kaposi-Sarkom" auf Primaten zu übertragen. (
39 ) Giraldo et al. konzentrierten ihre Beweisanstrengungen - vermutlich von vornherein - auf ein bestimmtes Virus, das zu den Herpesviren gerechnete Cytomegalovirus (CMV ). Wie alle übrigen Tumorvirologen beachteten sie die Antithese überhaupt nicht, und wie alle übrigen Tumorvirologen versuchten sie - nach Jahren - allein mit Hilfe mehr oder weniger anfechtbarer serologischer Testresultate eine Kausalbeziehung zwischen beidem zu behaupten. ( 40 ) Das NCI hätte sicher auch gerne behauptet, daß man nun endlich einmal wenigstens ein "Tumorvirus" vorweisen könne; immerhin war bei Bekanntgabe dieser Testresultate die gesetzlich bestimmte Frist zum "Sieg" über "den Krebs" ( 41 ) schon lange überschritten. Dennoch fiel die Unterstützung Giraldos selbst unter Tumorvirologen eher verhalten aus. Zwar trug z.B. Fred Rapp - seinerzeit einer der bedenkenslosten Infektionsphantasten der USA - die "angenommene Ätiologie" auf einer von NATO und NCI gemeinsam veranstalteten Konferenz (Korfu 15.-25.3.1978) vor. ( 42 ) Die Gelegenheit dazu hatte Robert Gallo vermittelt, der 1975 das "erste menschliche Tumorvirus" entdeckt haben wollte und dann einräumen mußte, daß das, was er präsentiert hatte, nur ein effektloser Cockatil aus Affenviren gewesen war. ( 43 ) So weit wie Gallo seinerzeit wollte diesesmal anscheinend aber niemand gehen. In einem Leitartikel des Lancet hieß es demzufolge auch nur, daß Giraldo et al. den Nebel, welcher die Pathogenese des Kaposi-Sarkoms umgibt, zumindestens teilweise durchdrungen" hätten. ( 44 ) Und ein Erlanger Virologe äußerte sich noch deutlicher. "Auch diese Daten", meinte er, reichten "nicht aus, um dem Virus eine kausale Rolle bei der Entstehung eines menschlichen Neoplasmas zuzusprechen. ... Der weitreichende Schluß, Zytomegalovirus sei ein menschliches Tumorvirus, ist nach Lage der bisherigen Befunde nicht gerechtfertigt." ( 45 )

Das war nach rund 100 Jahren "Forschung" an Kaposis "unsterblicher Leistung" alles. Die Geschichte "des Kaposi-Sarkoms" belegt somit exemplarisch, wie resistent die Karzinologie im allgemeinen und die sogenannte Tumorvirologie im besonderen gegenüber Kritik und Kritikern war und bleibt. Gegen ihr unaufhörliches Fortschrittsgeplappere vermochte auch der Deutsche Zentralausschuß für Krebsbekämpfung und Krebsforschung nichts auszurichten, der 1957 durch seinen Vorsitzenden, Heinrich Martius , verlangt hatte, es müsse "vermieden werden, daß die Ansicht wieder an Raum gewinnt, der Krebs (soweit es sich bei einer Geschwulst denn überhaupt darum handelt, d.V.) beim Menschen sei eine Infektionskrankheit im engeren Sinne und könne durch den Schutz vor Erregern vermieden werden." (
46 ) Zwei andere professionelle Kritiker, Kothari und Metha , bilanzierten deshalb 1979 zu Recht:

"Alles, was schließlich erreicht wurde, ist, daß nun alle Unklarheiten in der Karzinologie mit immunologischen Interpretationen belegt werden. Und trotzdem geht die immunologische Show weiter ... Die Wissenschaft der Tumorimmunologie besitzt eine herausragende Eigenschaft - sie dehnt sich krebsartig aus. Sie ist auch fond(s)ogen - mühelos erhält sie Geldmittel. Doch wenn man der Sache ... auf den Grund geht, dann offenbart sie sich als eine ungeheuere Aufbietung höchster Logik auf der Basis einer falschen Prämisse - daß die Krebszellen nicht Teil von einem selbst sind. Kein menschlicher oder tierischer Krebs läßt sich als fremd (oder nicht eigen) gegenüber seinem Träger erweisen ..." Die Karzinologen, schrieben sie ferner, "übertreiben, um die Illusion zu erzeugen, man kenne die Ursachen des Krebses. Trotz der Tatsache, daß nicht eine der Ursachen ..., die ... verantwortlich gemacht werden, sich je als eine sine-qua-non-Bedingung jenes Krebses erwiesen hat, fährt die Karzinologie fohrt, alles unter der Sonne und auch die Sonne selbst für krebsverursachend zu halten. Der neueste Faktor, der dieser Überfülle von karzinogenen Stoffen hinzugefügt wurde, ist das menschliche Sperma. Die Folge von alledem ist die Krebsphobie, eine Krankheit, die ... ebenso ernst ist wie der Krebs selbst und gewöhnlich weit verheerender." Die Autoren berufen sich auch auf Mafcarlane Burnet - dem niemand die Sachkunde absprechen kann. Er habe in seinem Buch Genes, Dreams and Realities ganz offen über die Krebsforscher gesagt: "sie kündigen Dinge an, um die öffentliche Unterstützung ihrer eigenen Arbeit zu rechtfertigen, und wissen dabei genau, daß ihre Behauptung, ihre Arbeit werde 'die Suche nach den Ursachen und Heilungsmöglichkeiten des Krebses vorantreiben', jeder wissenschaftlichen Grundlage entbehrt." Die Autoren folgern: der Nutzen der "fanatischen Jagd nach krebsverursachenden Stoffen ist gleich Null gewesen. Das Unheil, das damit angerichtet wurde, ist eine globale Krebsphobie, die die Leute verfolgt, wenn sie essen, trinken, atmen oder sich lieben." Und dazu: "Die Karzinologie hat gesucht, wonach sie konnte - nach Geldern, Macht, Statistiken -, doch nicht geforscht, was durch ihre chronische Unfähigkeit belegt wird, ihre krampfhaft festgehaltenen Schlußfolgerungen zu revidieren, ja sie gar in die Praxis umzusetzen. Das Ganze ist eine einzige Verleugnung des Offenkundigen." (
47 )



IV. Anatomie einer Epidemie

Halten wir in Umrissen nochmals fest, was im Januar 1980 zum Stand der Dinge erklärt wurde. Gelegenheit dazu verschafft ein KS-Symposion ( 48 ), das seinerzeit in Kampala veranstaltet wurde, von der WHO und Siemens mitfinanziert worden war und in Gaetano Giraldo, Michael Hutt, Sebastian Kyalwazi und Charles Vogel Teilnehmer hatte, die mit den neuesten Entwicklungen beim KS vertraut gewesen sein sollten. Vogel bedauerte nochmals ganz ausdrücklich, daß er seit seiner Rückkehr in die USA nicht mehr als vier (weibliche) Fälle gesehen habe, und die Erstellung einer Häufigkeits-Statistik für die USA vermutlich an der großen Seltenheit des KS scheitern werde. Giraldo - der seinerzeit immerhin Mitarbeiter des Memorial Sloan Kettering -Instituts (Sitz: New York City) war - äußerte sich im gleichen Sinne. Erwähnung verdient alsdann noch Hutt , der meinte, daß nunmehr "alle Anzeichen auf einen Umweltfaktor oder auch Umweltfaktoren als den Schlüssel zu dieser Erkrankung" hindeuteten. Zu diesem Schluß paßte auch eine fortwährend zunehmende Anzahl von KS-Diagnosen nach Transplantationen und der damit verbundenen Chemotherapie. Um solche Fälle hatte sich (versehen mit einem Forschungsauftrag der Veterans Administration ) namentlich Israel Penn (Denver) gekümmert. Einen ersten solchen Fall wollen Siegel et al. 1967 in New York festgestellt haben. Im Juni 1978 berichtete Penn ( 49 ) dann bereits von 20 Fällen bis einschließlich Mai 1978, mehrheitlich Männer im Alter zwischen 23 und 59 (im Mittel: 42) Jahren. Die als KS diagnostizierte Geschwulst sei bei den Patienten innerhalb von 4 bis 53 (im Mittel: 16) Monaten nach der Transplantation - und der daran anschließenden Behandlung mit Azathioprin (Handelsname Imurek , d.V.) und Kortikosteroiden aufgetreten. 5 Patienten hätten außerdem Antilymphozyten-Globulin, 6 kurzfristig Actinomycin C oder D und elf eine lokale Radiotherapie erhalten; einem Patienten sei darüber hinaus die Milz entfernt worden.

Dem sich aufdrängenden Verdacht einer iatrogenen Verursachung hatte Penn nicht weiter nachgehen wollen. Er gestand nur zu, daß die "Tatsache, daß sich die Geschwulst bei mehreren Patienten nach Absetzen oder Reduzierung der Behandlung mit Immunsuppressiva vollständig oder teilweise zurückbildete", auf "eine Rolle" bei der Geschwulstentstehung schließen lasse. Worauf es ankomme, sei indessen die Frage, wie "potentiell onkogene Viren bei den Organ-Empfängern aktiviert" werden könnten. Eine "durch die immunsuppressive Therapie gestörte Immunabwehr" könne "die Patienten für Virus-Infektionen anfällig machen, von denen manche wie etwa diejenige durch die Herpes-Viren I und II, durch das Epstein-Barr-Virus oder durch das Polyoma-Virus beim Menschen potentiell onkogen" seien. "Interessanterweise" hätten von den Organempfängern der vorliegenden Untersuchung "mindestens 30%" vor Entstehung des KS Herpes simplex-Infektionen aufgewiesen. "Allerdings" müsse man auch hervorheben, "daß es bislang überhaupt keinen Beweis dafür gibt, daß Viren ein KS oder irgendeine andere Geschwulst verursachen" können.

Um so mehr sollten vor allem die amerikanischen Teilnehmer des Kampala-Symposions sich darüber gewundert haben, daß ausgerechnet ihnen - denen so sehr an Fällen und am Nachweis einer infektiösen Verursachung gelegen war - eine ganze, in den USA auftretende Epidemie entgangen sein sollte. Die erste einschlägige Meldung erschien im Hausblättchen der CDC , dem MMWR (Morbidity and Mortality Weekly Report) , in der Ausgabe vom 3.Juli 1981 - kurz nachdem Science einer auch im Kongress immer lauter werdenden Kritik mit der feindseligen Frage Ausdruck gegeben hatte: "Wo bleibt die versprochene Befreiung vom Krebs?" (
50 ) Gemeldet wurden 26 angebliche KS-Fälle unter jungen Männern aus New York und Kalifornien, die wegen der Homosexualität der Patienten aufgefallen sein sollten und mit 15 schon kurz vorher gemeldeten PcP-Fällen unter Patienten derselben Herkunft und Neigung in Verbindung gebracht wurden.

Im ersten Augenblick glaubt man, es bei diesen 26 Fällen mit akuten KS-Fällen zu tun zu haben. Erst bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, daß es sich bei den Fällen - erklärtermaßen - um die Summe einer diagnostischen Tätigkeit - also eine Fallsammlung - von zweieinhalb Jahren handelt. Warum aber sind diese ach so besorgniserregenden Fälle von den angeblich so besorgten Medizinern (
51 ) so lange zurückgehalten worden? Weshalb werden Einzelfälle überhaupt nicht beschrieben? Und weswegen wurden im New York University Coordinated Cancer Registry (und dort allein) nach KS-Patienten mit der Vorgabe eines Höchstalters von 50 Jahren gesucht? Was sollte die Festlegung einer Altersgrenze denn rechtfertigen? Und warum wurde sie ausgerechnet auf 50 Jahre festgesetzt, wenn doch der älteste der hier erfaßten Patienten schon 51 Jahre alt war? Was rechtfertigte es, diese Grenze schon kurz darauf auf 60 Lebensjahre zu verschieben? Gibt es etwa Viren, eine Altersgrenze respektieren? Und kann man solche Leute als "jung" und ohne Betrachtung ihrers gesamten Vorlebens als "vormals gesund" beschreiben? Und ist es nicht auch unredlich, anzugeben, daß "viele" dieser Fälle einen "fulminanten" Verlauf genommen hätten, wenn das allenfalls bei 8 von 26 (= 30,77%) so gewesen sein kann? Und was sollte überhaupt der Versuch, die Erkrankung mit der sexuellen Orientierung der Patienten zu verknüpfen? Darauf muß man erst einmal kommen - und dann auch noch eisern daran festhalten. Oder hatte etwa jemand vorher behauptet, daß nur Heterosexuelle sie bekommen, und Schwule sie nicht bekommen könnten?

Dreister noch trieb es die New York Times vom selben Tage: sie faßte den im MMWR mitgeteilten Sachverhalt - nach Gesprächen mit CDC -Mitarbeitern - unter der Überschrift zusammen: "Seltener Krebs bei 41 Homosexuellen beobachtet". 41 KS-Fälle, wie das? Die Zahl ergab sich, wenn man den gemeldeten 26 KS-Fällen die bis dahin gemeldeten 15 Pneumocystis-Fälle hinzurechnete - und daß dies nicht versehentlich passiert war, ist klar. Der Autor, Lawrence Altman , hatte Medizin studiert, war CDC -Angestellter gewesen - und gehörte auch noch als Times -Journalist zum EIS , dem geheimdienstlich organisierten Epidemc Intelligence Service der CDC . Er konnte PcP und KS natürlich auseinanderhalten, und daß 'Kaposi-Sarkom' nicht 'Krebs' bedeutete, war ihm zweifelsohne auch bekannt. Es handelte sich also um eine gezielte Falschmeldung, die Unruhe unter den Homosexuellen auslösen mußte und auslöste. Davon zeugt ein ironischer Kommentar in einer Szene-Zeitung:

"Besten Dank, Herr Altman. Am freien Freitag Mittag haben tausende von Schwulen gemutmaßt, daß es sich bei den Schwellungen, Malen und sonstigen fleckigen Stellen, die den durchschnittlichen menschlichen Körper bedecken, um unwiderlegbare Beweise dafür handele, daß das Kaposi-Sarkom in ihren Körpern wütet. Viele riefen zwecks rascher Konsultation ihre Ärzte an. Bis Montag war aber natürlich keiner der Quacksalber in der Stadt. Der Regen rann das ganze Wochenende über, und die Panik wuchs. ... Die Grundaussage des Artikels, so wie er von vielen New York Times-Lesern verstanden wurde, sollte wohl die sein, daß Schwulsein Krebs macht, ganz so, wie vor wenigen Jahren Frauen mit vermuteter exzessiver Sexualität eher Krebs bekommen können sollten als andere. Frauen ohne sexuelle Aktivitäten wurden ebenfalls für krebsanfälliger gehalten als andere - womit es den Frauen überlassen blieb, nach dem gesunden Mittelmaß zu suchen. ..." ( 52 )

Zeitgleich, später oder sogar schon zwei Tage vor dem MMWR und der New York Times soll im American Journal of Dermatopathology eine "Vorläufige Mitteilung über extensiv disseminiertes Kaposi-Sarkom bei jungen homosexuellen Männern" von Autoren aus New York und Florida erschienen sein; die Zeitangabe 1.Juli macht (nachträglich) Geoffrey Gottlieb , der Hauptautor ( 53 ), während andere ( 54 ) August angeben, und die Redaktion sybillinisch "Sommer 1981" vermerkt. Dort heißt es:

"Während der letzten zwei Jahre sind wir auf neun Fälle von Kaposi-Sarkom bei homosexuellen Männern in den Dreißigern und Vierzigern gestoßen. ... Fünf der neun Männer sind während unserer zweijährigen Beobachtungszeit bereits an der Krankheit verstorben. ... Das Auftreten einer schnell voranschreitenden, extensiv disseminierten und rasch tödlichen Form der Krankheit bei ziemlich jungen homosexuellen Männern ist, gelinde gesagt, ungewöhnlich. Diese plötzliche, sehr hohe Inzidenz der Krankheit unter männlichen Homosexuellen läßt auf eine Epidemie und die Möglichkeit einer infektiösen Ursache schließen, und zwar bereits deswegen, weil jetzt (sic!) bekannt ist, daß es unter Homosexuellen eine hohe Inzidenz von vielen infektiösen Krankheiten ...gibt. Auch für das Kaposi-Sarkom wird neuerdings (sic) eine infektiöse (virale) Ursache ernstlich in Betracht gezogen. ... Wir publizieren diesen Artikel in der Absicht, Kliniker und Pathologen auf eine ungewöhnlich fulminante Form von Kaposi-Sarkomaufmerksam zu machen, die bei jungen homosexuellen Männern auftritt ... und unter den Homosexuellen um sich zu greifen droht. ..." ( 55 )

An diesem Artikel fällt auf, daß er die anschließend von den Institutionen verfolgte Wunschvorstellung bereits als - alternativlose - ätiologische überlegung ins Gespräch bringt, und sich hierzu auch noch einer Scheinbegründung (nämlich: Homosexuelle haben Infektionen - die Heterosexuellen demnach nicht) bedient. Der Streit um den Publikationszeitpunkt ist auffällig, und die Behauptung Gottliebs ( 53 ), daß das Manuskript für die "Vorläufige Mitteilung" aufgrund einer Ende März 1981 getroffenen Entscheidung seines Vorgesetzten Ackerman entstanden sei, ist unglaubhaft. Sonst würden seine Literaturzitate nicht im Jahre 1978 enden .

Weitere Meldungen der CDC erschienen, und mehrere Autorengruppen publizierten Artikel. Gemeinsam ist allen diesen Quellen, daß Entstehungs- bzw. Einsende-Daten für die Manuskripte ungewöhnlich oft nicht angegeben sind - und bei den Veröffentlichungen des Jahres 1981 sogar ausnahmslos fehlen. Von gleicher Auffälligkeit ist ein ständiger Parameter-Wechsel , der das Vergleichen von Zahlen und anderen Daten teils erschwert und teils vereitelt. Noch auffälliger ist allerdings, wie die Patienten beschrieben werden. "Das Wesen der Krankheit", hat Viktor von Weizsäcker einmal in Anlehnung an Sigmund Freud formuliert, sei "biographisch" - und darum könne "die Erkenntnis der Krankheit nur eine biographische sein". Demzufolge wird jeder, der um die vorurteilsfreie Aufklärung eines Krankheitsgeschehens (und nur darum) bemüht ist, eine wirklich umfassende Anamnese erheben und die erhobenen Daten auch vollständig mitteilen. Hier aber bemühen sich die Autoren ganz systematisch darum, keine Angaben zu machen, die alternatives Denken zulassen würden. Das gesamte Vorleben der Patienten findet darin in der Regel nur insoweit statt, als serologische Testresultate für irgendwelche früheren Infektionen sprechen sollen. In manchen Fällen wird dazu auch noch mehr oder minder pauschal auf Drogenkonsum hingewiesen, was die Autoren jedoch nicht daran hindert, sämtliche Patienten floskelhaft als "vormals gesund" ("previously healthy") zu bezeichnen. Mit Hilfe dieser Floskel spart man das gesamte Arzneimittel-Vorleben, aber auch sämtliche Umweltbelastungen der Menschen in den Fallgeschichten total aus, und selbst die Schilderung einer beruflichen Tätigkeit wird gänzlich vermieden. Die einzige Fall-Sammlung, die Umwelteinflüsse erwähnt, verwendet darauf ganze zwei abstrakte Sätze: den beschriebenen Patienten sei zwar im Hinblick auf "Chemikalien oder Lösungsmittel" unbenannter Art eine "signifikant verlängerte Expositionszeit" zu bescheinigen. Da es unter den Expositionen bzw. den Berufen und Hobbys, in denen diese stattfanden, jedoch keinerlei Gemeinsamkeiten gegeben habe, sei dieser Umstand irrelevant. (
56 ) Die Möglichkeit von Fehldiagnosen wird nirgends angesprochen - so als ob "das" Kaposi-"Sarkom" ungeachtet allen bereits geschilderten Wirrwarrs plötzlich ebenso einfach zu diagnostizieren sei wie Erkältungen oder Knochenbrüche.

Damit sind die Lücken, die alle (schriftlichen und mündlichen) Darstellungen enthalten, längst nicht abschließend aufgezählt - und weder Parameter-Wechsel noch offene Widersprüche zwischen den Angaben einzelner Beteiligter besprochen. Die bereits erwähnten Auffälligkeiten reichen jedoch aus, um den manipulativen Charakter der Darstellungen zu erkennen und festzuhalten, daß die Einheitlichkeit der Vorgehensweise der Autoren einen - mit der geltend gemachten Spontanität und Offenheit nicht zu vereinbarenden - Gruppenzwang belegt. Ohne organisierten Zwang ist es insbesondere nicht zu erklären, daß zahlreiche Mediziner ohne jede Ausnahme bis zu einer ersten Publikation er klärtermaßen zwei, zweieinhalb oder noch mehr Jahre sammeln und warten . Eine freiwillig eingehaltene Publiziersperre solcher Art - unter denen, die um neue Krankheiten, Einfluß und Geld konkurrieren - gibt es nicht; "publish, or parish" beschreibt, was gilt. Realiter sind die Angaben derart lückenhaft und widersprüchlich, daß nicht einmal einfachste Fragen sich klären lassen.

Frage 1: wie viele zur "Epidemie" gehörige Fälle gab es bis zu der allerersten Veröffentlichungen überhaupt?
Während im MMWR der CDC vom 3.Juli 1981 26 Fälle "während der letzten 30 Monate" (somit: ab Januar 1979 etwa) angegeben werden, weiß die New York Times vom 29.August von 47 Fällen "seit Januar 1980" zu berichten. Alvin Friedman-Kien (New York) gibt einmal ohne Mitteilung des Einsendezeitpunktes seines Manuskripts mehr als 41 Fälle "während der vergangenen 30 Monate" (somit: ab wann?) an (
57 ), ein anderes Mal hingegen, daß 73 Fälle unter homosexuellen Männern den CDC bereits "während der dem Januar 1981 vorangegangenen zwei Jahre" (somit: Januar 1979) gemeldet worden seien. ( 58 ) Der Parameter-Wechsel ist deutlich und manifestiert sich auch in allen nachfolgenden Publikationen, so daß es sinnlos ist, eine definitive Zahl erfahren zu wollen.

Frage 2: wann sind diese Fälle zuerst aufgetreten, und wann sind sie der Behörde bekannt geworden?
Die Antwort im MMWR der CDC vom 3.9.1982 lautet: "Beginnend mit dem Jahre 1978 wurde eine Krankheit oder Gruppe von Krankheiten erkannt, die sich im Kaposi-Sarkom und opportunistischen Infektionen ... manifestieren."Dazu würde die Festlegung auf das 1.Vierteljahr 1978 für den ersten Fall "des" Kaposi-"Sarkom" in einer anderen CDC -Publikation (
59 ) passen. Zuvor, im MMWR vom 28.8.1981 hatte es jedoch geheißen, daß der Beginn der Erkrankung in 47 "reinen" Fällen "des" Kaposi-"Sarkoms" zwischen "Januar 1976 und Juli 1981" gelegen habe. Dazu paßt, zum Teil zumindestens, daß der Leiter der "Task Force" der CDC , Curran , 'übliche' KS-Fälle anläßlich eines Zahlenvergleichs nur für den Zeitraum 1954-1975 berücksichtigt wissen wollte. ( 60 ) Friedman-Kien et al. geben dann an, daß den CDC 73 Fälle von dissemniertem "KS" im Zeitraum zwischen Januar 1979 und Januar 1981 gemeldet worden seien ( 58 ), obwohl Friedman-Kien in einem Interview zuvor noch von August 1979 gesprochen hatte. ( 61 ) An anderer Stelle wird von 55 Fällen gesprochen, von denen die CDC "zwischen 1979 und 1980" erfahren hätten ( 62 ) - wobei zum Jahre 1979 auch die Meldung paßt, daß im Jahre "1979 11 homosexuelle Männer ganz zufällig diagnostiziert" worden seien, "als Forscher diese Patienten wegen einer anderen Krankheit" behandelt hätten. ( 63 ) Edward Brandt , Assistant Seceretary for Health, wußte anzugeben, daß die Behörde von "Einzelfällen" von "KS" und PcP unter jungen homosexuellen Männern "erstmals" zwischen März und April 1981 unterrichtet worden sei ( 64 ), CDC -Direktor Foege gab ebenfalls April 1981 an ( 65 ), und ein 1983 erschienener Artikel der "Task Force" der CDC legte fest, daß die Behörde im Juni 1981 von einem "vermehrten Auftreten" von PcP- und "KS"-Fällen unter männlichen Homosexuellen erfahren habe. ( 66 ) Man hat die freie Wahl - und kann nur die zuletzt zitierten Angaben als falsch zurückweisen. Sie widersprechen nicht nur den zuerst zitierten Angaben, sondern auch der Erklärung Currans , daß "in der Zeit zwischen Juli und September 1980 ... Beamte des Epidemic Intelligence Service und andere CDC- Epidemiologen Ärzte und Abteilungsleiter in größeren medizinischen Einrichtungen von 18 Städten" angesprochen hätten, "um sämtliche seit dem Januar 1979 aufgetretenen Fälle von Kaposi-Sarkom und Pneumocystis carinii-Pneumonie zu erfassen". ( 67 )

Frage 3: wer hat die Fälle gemeldet, und welche medizinische Begründung wurde dafür gegeben?

Darauf gibt es keine Antwort.

Frage 4: die Vielzahl der Fälle soll Aufmerksamkeit erregt und zu der ersten öffentlichen Meldung geführt haben. Wie viele Fälle wären denn im Jahresdurchschnitt in den USA zu erwarten gewesen?
"50-300 Fälle jährlich", gab Curran bei einer Gelegenheit an. (
68 ) Bruce Chabner vom NCI legte sich bei gleicher Gelegenheit auf "mindestens 100 Fälle ..., zumeist unter älteren Männern und von eher langsamem Verlauf" ( 69 ) fest, während in einem Artikel von Haverkos und Curran ( 70 ) die Zahl mit 30 angegeben wird. Man hat die freie Wahl. Nimmt man auch nur die Zahl 30 und vergleicht diese mit den am 3.Juli 1981 öffentlich gemeldeten 26 Fällen für 30 Monate (somit: 10,4 pro Jahr) oder - alternativ - mit den von Friedman-Kien et al. (59) behaupteten 73 Fällen für 24 Monate (somit: 36,5 jährlich), bleibt die Frage, worin denn die unerwartete Steigerung gelegen haben soll. Wie berechtigt diese Frage ist, zeigt unabsichtlich auch die Behauptung Currans auf, wonach die Befragung des Jahres 1980 "keine Steigerung bei den Erkrankungen und außer den uns von außerhalb der Städte (sic) ursprünglich einmal gemeldeten Fällen auch keine zusätzlichen Fälle" ergeben habe. ( 67 )

Frage 5: wie sehen die Vergleichszahlen für das Alter der Patienten aus?
Was die "auffällig jungen" Patienten der "Epidemie" angeht, wird im MMWR vom 3.Juli 1981 ein Altersrahmen von 26-51 (im Mittel 39) Jahren angegeben, was in etwa die Geburtsjahrgänge 1930-1955 (im Mittel 1942) meint. (
71 ) Dem stellt Curran einmal das "verifizierte" Umfrageergebnis gegenüber, wonach es "vor 1980" überhaupt keine "KS"-Fälle unter (derart) jungen Männern gegeben in den USA habe. ( 67 ) Das war, wie jeder Literaturkenner wußte, falsch. ( 72 ) Curran korrigierte sich dann, bei gleicher Gelegenheit, indem er den Anteil der unter 50jährigen der "Jahrgänge 1954-1975" einmal mit 2 Prozent ( 73 ) (Druckfehler?) und an anderer Stelle mit 20 Prozent ( 68 ) angab. Man hat die freie Wahl.

Frage 6: wo sind die Fälle aus der Zeit bis zum 3.Juli 1981 beschrieben?
Die Antwort muß lauten: nirgends.

Die Manipulation ist evident und unbestreitbar. Den Grund dafür zu bestimmen , ist nicht Absicht des Verfassers. Eine Möglichkeit liegt jedoch so nahe, daß darüber nachgedacht werden muß . Die auffälligste Lücke in den Anamnese-Darstellungen und in der Diskussion betrifft die Militärzeit der Patienten. Sie findet dort schlechterdings nicht statt, obwohl es an Gründen, auf sie einzugehen, nicht mangelte. Neben dem allgemeinen Postulat der Vollständigkeit der mitgeteilten Anamnese war es zum einen das Alter der Patienten, das dies verlangte. Zwar gibt es keine Darstellung, die einen Altersrahmen für sämtliche geltend gemachten Fälle benennt. Es bleibt aber die Möglichkeit, den im MMWR vom 3.Juli 1981 von den CDC angegebenen Altersrahmen von 26-51 Jahren zu verwenden und daraus zu folgern, daß die Geburtsjahrgänge um 1930 bis um 1955 herum gemeint sind. Von diesen Generationen aber war der Großteil der Männer, ob freiwillig oder nicht, im Vietnam -Einsatz. Das heißt, daß viele von ihnen den flächendeckenden Herbi z id - bzw. Dioxin -Operationen ausgesetzt waren, die von den US-Streitkräften dort in den Jahren zwischen - die Zahlenangaben schwanken - 1962 oder 1965 und 1970 oder 1973 durchgeführt wurden und vor allem mit den Namen Agent Orange , Agent Blue und Agent White verbunden sind. Wer nicht manipulieren will, kann die Erhebung und Mitteilung entsprechender Patienten-Daten also gar nicht unterlassen. Und dort, wo kein Gruppenzwang zur Manipulation besteht, werden, anders als hier, zumindestens einzelne Autoren den Aspekt aufgreifen.

Dazu kommt ein noch sehr viel konkreterer Anlaß, die Frage nicht mit Stillschweigen zu übergehen: jeder der Autoren wußte nicht nur um "das Kaposi-Sarkom" nach Transplantationen, sondern auch um eine heftige, unter Beteiligung des Kongresses ungefähr seit 1978 in den USA geführte Debatte, ob Herbizide "Weichteilsarkome" - zu denen "das" Kaposi-"Sarkom" gerechnet wird - verursachen können, und zahlreiche Anspruchsteller deshalb vom Staat oder vom Hersteller Dow Chemical zu entschädigen seien. Hersteller und Militär bestritten nicht nur jedweden Kausalzusammenhang, sie verdächtigten auch jede einschlägige Diagnose der Unrichtigkeit - und das bereits deshalb, weil der Ausdruck "Weichteilsarkome" doch nur ein Oberbegriff für 110 histologisch verschiedene und praktisch in jeder Lokalisation anzutreffende Subytypen von "Krebs" sei. Und was "das Kaposi-Sarkom" angeht, so vermittelte vor allem Franz Enzinger , einer der erfahrensten Pathologen der US-Streitkräfte, immer wieder den Eindruck der Unverläßlichkeit einer jeden Diagnose. (
74 ) An der Ignoranz der Untersucher des "epidemischen Kaposi-Sarkoms" änderte dies nichts. Für die Behauptung, daß innerhalb des Zeitraums 1982-1983 "über hundert schwule Vietnam-Veteranen" mit "AIDS" in das Manhattan VA Hospital aufgenommen worden seien, ( 75 ) gilt sinngemäß dasselbe. Die Gesamtzahl der homosexuellen Männer, die bis zum Jahre 1994 unter einer "KS"-Diagnose verstorben sind, wird von Lauritsen sogar auf "mehrere Zehntausend" geschätzt. ( 75a )

Übereinstimmungen zwischen beiden Konstellationen und Ereignisabläufen gibt es. Das ist sicher. Gewiß ist, daß Fälle von "Weichteilsarkomen" bzw. Kaposi-"Sarkom" unter heterosexuellen und solche unter homosexuellen Männern sich weder klinisch noch histologisch voneinander unterscheiden lassen . Herbizid-erworbene Fälle von Soldaten könnten somit durchaus in angeblich virusbedingte Fälle umdeklariert worden sein. Hinzu kommt dabei noch die offensichtliche Altersidentität der Patienten . Für die "epidemischen", ausdrücklich als auffällig jung deklarierten Fälle wird im MMWR der CDC vom 3.Juli 1981 ein Altersrahmen von 26-51 angegeben, was den Geburtsjahrgängen 1930 - 1955 entspricht. Als es um eine Studie zu Weichteilsarkomen der Veteranen - genannt Selected Cancer Study - ging, erklärten die CDC , daß sie an Männern interessiert seien, deren Geburtsdatum zwischen dem 1.1.1929 und dem 31.12.1953 liege. (
76 ) Mit der Annahme von Umdeklarationen würde sich auch erklären lassen, warum, wie es heißt, Bluter kein "epidemisches" Kaposi-"Sarkom" bekommen können sollen: Hämophile sind militärdienstuntauglich und können deshalb gar nicht Teil der militärischen Vietnam-Population gewesen sein. Das Auftreten von "KS"-Fällen unter Militärangehörigen könnte auch erklären, warum ausgerechnet in der Zeitschrift Military Medicine zwischen 1976 und 1980 Inserate erschienen, mit denen nach Patienten mit Weichteilsarkomen gesucht wurde. ( 77 ) Auch die Präsentation des KS-CMV-Modells auf der gemeinsamen Tagung von NATO und NCI im Jahre 1978 wäre damit erklärt.

Was weitere Feststellungen erschwert oder vereitelt, ist eine andere, ebenso gewisse Parallele: auch die Desinformationspolitik ist dieselbe. Darauf weist u.a. bereits die Feststellung eines Parlamentsausschusses hin, "daß die Bundesregierung Krankheitsbefunde unter Vietnam-Veteranen, die mit der Agent Orange-Exposition in Verbindung gebracht werden können, unterdrückt oder minimalisiert" habe. (
78 ) Gemeint sind damit sowohl die VA ( Veteran's Administration ) als auch die CDC , sowohl unter der Carter - als auch unter der Reagan -Administration. Charakteristisch ist, daß beide Institutionen sind über lange Zeit schlicht weigerten, einen Zusammenhang zu untersuchen, das Gesundheitsministerium eine dahingehende Anweisung der CDC ablehnte ( 79 ), und daraufhin Ende 1979 eigens ein Gesetz beschlossen wurde, das die VA zur Durchführung einer epidemiologischen Studie über die Effekte von Agent Orange auf Militärangehörige verpflichtete ( Public Law 96-15 ). Den Auftrag zu deren Ausarbeitung erteilte die VA wiederum erst Jahre später, und zwar mit Schreiben vom 1.Mai 1981 an Gary Spivey von der UCLA School of Public Health . Der Entwurf dieser, später den CDC überlassenen ( 80 ) Studie wurde im wesentlichen geheimgehalten , da die Veteranen die Kenntnis von Einzelheiten dazu ausnützen würden, Krankheiten geltend zu machen, die sie nicht haben. ( 81 ) Das gesamte Verhalten beider Institutionen war und blieb von Verzögerungstaktik, Auskunftsverweigerung und Manipulation geprägt. Symptomatisch dafür erscheint z.B. auch die Antwort auf die am 15.Juni 1983 - rund 5 Jahre nach Beginn der Diskussion - gestellte Frage nach den Diagnosen der von der VA bis dahin untersuchten Personen. Der VA -Vertreter erklärte einfach, daß die Prüfung "nicht dazu bestimmt" gewesen sei, "spezifische medizinische Informationen zu beschaffen", und man deshalb "derzeit nicht genau (realiter: überhaupt nicht, d.V.) sagen" könne, "welche Arten von Erkrankungen zum Zeitpunkt jener Untersuchungen gefunden wurden" ( 82 ) Im 1979 begonnenen, für die Vietnam-Population nicht repräsentativen (sic) Agent Orange Registry der VA seien bis zum April 1983 unter rund 1000 Fällen maligner Neoplasmen ganze 14 Fälle identifiziert worden, die "nach vorläufiger Information" zur Gruppe der Weichteilsarkome gehörten; Genaueres lasse sich dazu noch immer nicht sagen. ( 83 ) Auch Zweck und Verbleib der von anderen Institutionen gesammelten Daten blieben unklar. Hierzu gehört namentlich das Armed Forces Institute of Pathology (AFIP , das 1978 damit begonnen hatte, "pathologisches Material einschließlich von Gewebeproben aus chirurgischen Eingriffen an und Autopsien von Vietnam-Veteranen" aus Einrichtungen der VA , Militärkrankenhäusern sowie privaten Einrichtungen zusammenzutragen, "um einen Überblick über die Krankheiten zu erhalten, die diese Veteranen sich zugezogen" hatten. ( 84 )

Die Studien , die von Regierungsdienststellen finanziert wurden, hatten dann folgerichtig auch nur Alibi-Charakter. Die von CDC -Autoren erstellte Blood Serum Level Study ist ein Beispiel dafür. Die kardinalen handwerklichen Fehler, die ihr in den Senatsanhörungen nachgewiesen wurden, sollen hier nicht aufgezählt werden. (
85 ) Es mag nur erwähnt sein, daß sie unter direktem Einfluß des Weißen Hauses entstanden ( 86 ) war und in einer nichtpublizierten Version zu anderen Resultaten kam als in der veröffentlichten Version. Ein zweites Beispiel ist eine 1984 erschienene Fallkontrollstudie von Weichteilsarkomen von Greenwald et al. ( 87 ), die wiederum so angelegt war, daß eine Korrelation dabei auf keinen Fall herauskommen konnte. Sie erwähnt auch einen einzigen "KS"-Fall für den ganzen Staat New York, hat New York City freilich aus der Betrachtung von vornherein ausgeschlossen und beschreibt auch den einen Fall nicht näher. Ein drittes Beispiel ist die Studie von Woods et al. . Auch dort heißt es ganz schlicht: "Auf eine Evaluation des Kaposi-Sarkoms in dieser Studie wurde verzichtet." ( 87a ) Es kann nach alledem nicht mehr wirklich überraschen und bleibt doch festzuhalten, daß die "epidemischen KS-Fälle" in keiner dieser Alibi-Studien Berücksichtigung finden ; sie werden tabuisiert. Um so bemerkenswerter ist die Gestaltung der gesetzlichen Entschädigungsregelung für Agent Orange . Das derzeit gültige Agent-Orange -Gesetz vom 6.Februar 1991 ( 87b ) sieht die Entschädigung jedes Weichteilsarkoms mit einem Erwerbsminderungsgrad von 10 Prozent und mehr" vor, das kein "Osteosarkom, Chondrosarkom, Kaposi-Sarkom oder Mesotheliom" ist.

Bei diesem Stand der Dinge läßt der hier angedeutete Verdacht sich weder bestätigen noch entkräften. Insbesondere steht dem Verdacht nicht die Überlegung entgegen, daß Umdeklarationen von den Betroffenen bemerkt worden sein müßten. Auch schwule Patienten sind in ihrer großen Mehrzahl autoritätsgläubig, und wenn ihre eigenen Anführer, Halbgötter in Weiß und Medien ihnen gemeinsam einhämmern, daß sie ihre Erkrankung einem Erreger verdankten, verwerfen sie jeden Gedanken an eine andere Ursache ohne Prüfung als abwegig; andere Betroffene könnten mit Hilfe des Mittels der Fehldiagnose abgewiesen worden sein. Nur zweierlei steht fest: wo so viel und so offenkundig an Daten manipuliert wird, muß es einen Grund dafür geben. Und wo so viel und so offenkundig an Daten manipuliert wird, muß man die Geschichtsschreibung abbrechen.



V. Schluß

Die Geschichte "des Kaposi-Sarkoms" besteht aus einer Endlosreihe von Ungereimtheiten. Weil das so ist, lohnt es auch nicht, an dieser Stelle noch auf die Fortsetzung der Geschichte, nämlich die regierungsamtliche Ersetzung des CMV durch das "HTLV-III" ( 88 ) oder " HIV ", einzugehen. Hinzu kommt, daß - von der breiten Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt - schon bald nach der Ausrufung des "HIV" zum Erreger "des Kaposi-Sarkoms" ein sukzessiver Widerruf dieses Anspruchs einsetzte. Dazu trugen unter anderem Safai et al. , Brooks und Penn bei. Safai et al. knüpften an die "spekulierte" Rolle von Immundefizienz bei der Entwicklung der Geschwulst an und bemerkten, daß (auch) sie Patienten gesehen hätten, bei denen meßbar keine Immunschwäche vorgelegen habe. ( 89 ) Penn räumte verwundert ein, daß der Anteil der "KS".Fälle unter "AIDS"-Patienten ständig sinke und seines Wissens tatsächlich bereits auf 19% zurückgegangen sei. ( 90 ) Und Brooks hatte sich immerhin schon 1986 bereitgefunden, kategorisch festzustellen, daß "das zu AIDS gerechnete KS ... eindeutig nicht durch HIV verursacht" werde. ( 91 ) Gallo selbst brauchte noch Jahre, um wenigstens zuzugestehen, daß sein "HIV" nicht der KS-"Erreger" sein könne. "Irgend etwas anderes" müsse an dem Entstehungsprozeß schon noch "beteiligt" sein, und als Wirkungsweg sei - entgegen der zuvor auch von ihm verbreiteten Annahme - nicht "Immunsuppression", sondern eine "Immunstimulation" in Betracht zu ziehen. ( 75a ) Gallo und Mitarbeiter der CDC machten bei gleicher Gelegenheit auch deutlich, daß sie jetzt 4 "KS"-Formen - die "klassische", die "afrikanische", die "iatrogene" und die "AIDS"-Form - unterscheiden und somit notfalls eben nach vier verschiedenen Ursachen suchen wollten. Mittlerweile wird wieder ein anderes Virus als Erreger "des" Kaposi-Sarkoms" gehandelt. Es wird HHV 8 genannt und nicht das letzte bleiben.

Eine Lehre bestätigt auch die Geschichte des "Kaposi-Sarkoms": "Was jedermann für ausgemacht hält", sagt der Schriftsteller Georg Lichtenberg , "verdient am meisten untersucht zu werden." Geschichten wie diese tragen vielleicht auch zur Plausibilität und Aktualität einer, für sich genommen, unglaublichen Äußerung eines der prominentesten US-Mediziner des 19.Jahrhunderts bei. Oliver Wendell Holmes sen. schrieb: "... und ich glaube fest, daß, wenn die ganze materia maedica, wie sie jetzt verwendet wird, auf den Grund des Meeres versenkt würde, es zum Vorteil der Menschheit wäre - und zum Nachteil der Fische." (
92 )


________________


1    Spiegler, Arch.Derm. u. Syph. 60 (1902)

2    Besnier, Ernest u. Doyon, Adrien; Introduction zu: Kaposi, Moritz, Lecons sur les maladies de la peau, Paris 1881

3     Kreibich, Wiener Medizinische Wochenschrift 1900, 2096

4    Satke, Wiener klin. Wochenschrift 55 (1942) 501-503

5    Crissey/Parish, 1981, S.174, unter Berufung auf S.D. Gross, Autobiography, New York Arno Press u. the N.Y. Times, 1972, S.225

6    Rille, Wiener klin. Wochenschrift 58 (1946) 477-480. Rille zitiert auch den US-Dermatologen Sutton mit dem Satz: "Je tiefer ich in unser auserwähltes Spezialgebiet eindringe, desto fester bin ich davon überzeugt, daß Kaposi ein außerordentlich überschätzter Mann war." ("The more deeply I get into a knowledge of our chosen speciality the more firmly am I convinced that Kaposi was a very much overestimated man.")

7     Pick, Arch. Derm. u. Syph. 3 (1871) 301

8     Fürth, Wiener Medizinische Presse 7 (1866) 1038

9     Pick, Arch. Derm. u. Syph. 26 (1894) 161

10     nach Finger, Wiener Medizinische Wochenschrift 63 (1913) Sp. 2309-2327

11     O. Kren (Wien), Sarcoma idiopathicum haemorrhagicum (Kaposi), in: Handbuch der Haut- und Geschlechtskrankheiten, hrsgg. v. Jadassohn u.a., 12.Band, 3. Teil, Verlag Julius Springer Berlin, 1933 - hier: S.918

12     O. Kren (FN 11 ) S.981

13     R. Virchow, Die krankhaften Geschwülste/Dreissig Vorlesungen, Verlag von August Hirschwald, Berlin 1864-65, Bd.2, 19.Vorlesung, 11.2.1863: Sarcome - hier: (Neudr. 1978) S.175

14     Max Borst, Die Lehre von den Geschwülsten, Erster Band, Wiesbaden 1902 - hier: S. 391

15     R. Virchow a.a.O. S.278

16     Bernhardt, Arch.Derm.u.Syph. 62 (1902) 237

17     Dalla Favera, Arch,Derm.u.Syph. 109 (1911) 387-440

18     Kaposi, in: Atti Dell' XI Congresso Medico Internationale, Rom 29.3.-5.4.1894, S.125-131

19     O. Kren (FN 11 ) S. 988 f.

20     Max Borst, Die Lehre von den Geschwülsten, Erster Band, Wiesbaden 1902 - hier: S. 404 f.

21     E. Ackerknecht, Rudolf Virchow - Arzt, Politiker, Anthropologe, Stuttgart 1957, S.98

22     Deutsche Medizinal-Zeitung 1899 S. 910

23     Vers des Juvenal. Deutsch: Ich will's, und so befehl ich's, statt Grundes/anstelle der Vernunft gelte mein Wille

24     Philippson, Arch. Derm. u. Syph. 167 (1902) 58-81

25     O. Kren (FN 11 ) S.963

26     J. invest. Derm. 1 (1938) 379-398

27     Choisser/Ramsey, Southern Med. J. 33 (1940) 392-396

28     S. Rothman, Arch. of Derm. 85 (1962) 311-324.

29     Symposium in Kaposi's Sarcoma, Monograph Number Two of the African Cancer Committee of the International Union against Cancer, hersgg. v. Lauren Ackerman u. James Murray, 1961

30     Rothman (FN 28 ) z.B. erwähnt ausdrücklich 6 andere Erkrankungen: Tungiasis, Onchozerkokose, Lepra, Myzetome, Neurofibrome u. echte Sarkome. Auty hat später behauptet (vgl. Transact. R. Soc. Trop. Med. & Hyg. 71:1977: 352), daß sich bei einer Nachprüfung von KS-Diagnosen in Tansania gerade noch 31,6% als zutreffend erwiesen hätten

31     Davies/Knowelden, Cancer in Kampala, BMJ v. 16.8.1958, S.439-443. Später haben auch andere diese Erfahrung gemacht. "Das Alter ist oftmals schwierig festzustellen. Die Namen ändern sich, sobald die Menschen einen anderen Status im Leben erreichen. Zum Aufspüren von Patienten tragen weder Straßennamen noch Hausnummern, Sozialversicherungssystem oder Führerschein bei." (Tempelton/Hutt, 1973; ähnlich auch: Ggiase/De Muynck, Kaposi's Sarcoma in Zaire, in: Williams et al., Virus-Associated Cancers in Africa, Lyon 1984, S. 549-557). Zum Alter vgl. auch: A.C. Templeton, Soft Tissue Tumours, in: Templeton (ed.), Tumours in a Tropical Country/Survey of Uganda 1964- 1968, Bd.41 Recent Results in Cancer Research, Springer 1973, S.234-269: "Die Mehrzahl der in Uganda gesehenen ("KS"-) Patienten ist zwischen 20 und 50 Jahre alt. Weiße Patienten sind gewöhnlich über 50 Jahre alt. Der Unterschied resultiert hauptsächlich aus der Unterschiedlichkeit der gefährdeten Populationen. ... Bei der angeblich verringerten Häufigkeit jenseits des 60.Lebensjahres handelt es sich wahrscheinlich um einen Artefakt."

32     Anthony Bruno, NCI Monogr. 40, Februar 1974, S. 12 f.

33     Gigase/De Muynck (wie FN 31 ). Vgl. auch Robert M. Buckley (Ishaka Hospital, Mbarara/Uganda), Patterns of Cancer at Ishaka Hospital in Uganda, East Afr. Med. J. 44 (1967) 467 (Eingereicht 11.5.1967): Tabelle der dort über einen Zeitraum von 15 Jahren aufgetretenen Tumor-Arten, die 7 "KS"-Fälle (2,6% gesamt) ausweist.

34    Maberry/Stone, Galveston/USA, Arch. Derm. 95 (1967) 210-213 (Eingereicht: 8.11.1966)

35     Lancet, 16.12.1967, S.1290

36     Master/Taylor/Kyalwazi/Ziegler, BMJ 7.3.1970, S.600-602

37     IARC Publications Nr.2, 1972, hrsgg. v. P.M. Biggs, Guy de Thé u. L.N. Payne

38     Giraldo, E. Beth, P.Coeur, Ch.L. Vogel u. D.S. Dhru, JNCI 49 (1972) 1495. Ein ähnliches Projekt innerhalb des "Special Virus Cancer Program" war das NCI-Projekt "NCI-E-71-2261" (Leiter: Robert A. Good). Aus der Projektbeschreibung: "Ziele: Suche nach Viren bei Krebspatienten mit Immundefizienz- Krankheiten und bei Patienten mit immunsuppressiver Therapie. ... Das Immundefizienz-Krebsregister ist weitergeführt und ausgeweitet worden. ... Die Hauptprämisse hinter Beginn und Fortsetzung dieses Kontrakts ist der Gedanke, daß es eine viel größere Chance für die Beschaffung eines kompletten menschlichen Tumor-Virus' aus einem Tumor bei immunologisch inkom petenten als bei immunologisch kompetenten Patienten geben sollte ... Die Beschaffung eines kompletten menschlichen Tumor-Virus' würde für das Studium der Beziehung von Viren zu menschlichem Krebs eine große Hilfe darstellen ... Weiterer Verlauf. 1. Fortsetzung von Studien, die Immundefizienz. Krebs und onkogene Viren miteinander verknüpfen ..."

39     Roy Kinard, Cancer Viruses in Primates, Science 169, 800-832 vom 28.8.1970

40     Vgl. die Veröffentlichungsserie von Giraldo et al. in: Int.J.Cancer 15 (1975) 839-848, ebda. 22 (1978) 126-131 u. 26 (1980) 23-29

41     Am 23.12.1971 setzte Nixon den National Cancer Act in Kraft. Das Gesetz sagt: "the conquest of cancer is a national crusade to be accomplished by 1976, as an appropriate commemoration of the 200th anniversary of the independence of our country."

42     Vgl.Proceedings of the NATO International Advanced Study Institute on Antiviral Mechanisms for the Control of Neoplasia, herausgegeben von P. Chandra, Plenum Press, New York u. London, 1979

43     Gallo hat sein "Tumorvirus" HL 23 genannt. Vgl. Okabe et al, Nature 260 (1976) 264-266 (Widerlegung) u. Ohino/Kife/Spiegelman/Gallo/Gallagher, Nature 260, 266-268 (Eingeständnis)

44     Disentangling Kaposi's sarcoma, Lancet v. 14.10.1978

45     Fleckenstein, Krebs durch Zytomegalovirus? DMW 104 (1979) 335

46     Krebsforschung und Krebsbekämpfung 37 (1957) 10).

47     Kothari,Manu/Mehta,Lopa A.,Cancer: Myths and Realities of Cause and Cure, London 1979/Dt. Ist Krebs eine Krankheit? Vom leidbringenden Mißverständnis der Krebsbehandlung, Rowohlt 1979

48     Vgl. Olweny/Hutt/Owor (Hrsg.), Kaposi's Sarcoma/2nd Kaposi's Sarcoma Symposium, Kampala, January 8-11, 1980, Vol. 29 von Antibiotics and Chemotherapy, Verlag S. Karger, 1981. Im Vorwort des Bandes heißt es ausdrücklich: "All in all the symposium was a success, and the pages that follow may perhaps be regarded as 'the state of the art' on Kaposi's Sarcoma in 1980".

49     Penn, Transplantation 27 (1979) 8-11; i.w. übernommen von Warner/O'Loughlin, Lancet 11.10.1975, S.687)

50     Science, Ausgabe vom 03.01.1981

51     Typisch dafür eine Äußerung des Leiters der 'Task Force' der CDC, James Curran, anläßlich einer Anhörung am 13.4.1982. Nach heftigem Gebrauch von Vokabeln wie "tragedy" und "tragic" gab er auch zu Protokoll: "It hit me in the middle of the head that gay men were having this syndrome". Zitate nach: Kaposi' s Sarcoma and Related Opportunistic Infections, Hearing before the Subcommittee on Health and the Environment of the Committee on Energy and Commerce, House of Representatives, Ninety-Seventh Congress, Second Session, April 13,1982, Serial No.97-125, U.S. Government Printing Office, Washington 1982, Prot. S.29.

52     Alexander Cockburn, Village Voice/New York, 15.7.1981

53     in: Gottlieb, G.J./Ackerman, A.Bernard (Hrsg.), Kaposi's Sarcoma: A Text and Atlas, Philadelphia 1988

54     Conant, Volberding et al., Lancet 30.1.1982, S.286

55     Geoffrey Gottlieb, A.Bernard Ackerman, Alvin Friedman-Kien et al., Am. J. of Dermatopathology 3 ("Sommer" 1981) 111-114

56     Marmor/Friedman-Kien/Laubenstein/William et al., Risk Factors for KS in Homosexual Men, Lancet 15.5.1982, S.1083-1086

57     Friedman-Kien, J. Am. Acad. Dertmatol. 5, S.468-1971, publiziert Okt. 1981

58     Friedman-Kien/Laubenstein et al., in: Ann. Int. Med. 96 (1982) 693-700

59     Jaffe/Bregman/Selik, J. Infect. Dis. 148 (1983) 339-345

60     Curran (FN 51 ), Prot. S.14

61     Friedman-Kien im Interview mit der New Yorker Schwulenzeitung "The New York Native", Ausgabe vom 24.8.1981: "Da diese Fälle erst innerhalb der letzten zwei Jahre medizinisch bemerkt und behandelt worden sind ..."

62     Robert Bazell (Immunologe u. NBC Science Correspondent), Anlage zum Anhörungsprotokoll: Federal Response to AIDS. Hearings Before A Subcommittee of the Committee on Government Operations, House of Representatives, 98th Congress, 1st Session, August 1st and 2nd, 1983

63     Mary Donovan, Rare Form of Cancer in Homosexual Men Stimulates Research, News & Features from NIH, November 1981, S.8

64     Brandt (wie FN 62 )

65     Foege (wie FN 62 )

66     Task Force, NEJM 306 (1983) 248

67     Curran (FN 48 ), Prot. S.8

68     Curran (FN 48 ), Prot. S.14

69     Chabner (FN 48 ), S.35

70     Haverkos/Curran, CA 32 (1982) 330

71     Curran (FN 48 ), Prot. S.9, hat später angegeben, daß das mittlere Alter bei 35 Jahren (Jahrgang 1947?) liege, und "85 Prozent der bisher gemeldeten Fälle unter 44 Jahren" lägen. Es wird nur nicht klar, ob damit tatsächlich nur "KS"-Fälle gemeint sein sollen.

72     1950 hatten z.B. McCarthy/Pack, Surg.Gynecol.Obstet. 91,465-482 36 Patienten U.S.-amerikanischer Herkunft betrachtet und für Personen unter 40 Jahren einen Anteil von 22% errechnet. 1957 war Bluefarbs Monographie zum "KS" mit ihren Angaben zur Altersverteilung zu ähnlichen Angaben gekommen. 1959 berichteten Cox/Helwig, Cancer 12, 289-298, über 25 aus der Literatur zusammengestellte Fälle nicht-afrikanischer zusammen u. bemerkten, daß 7 der 11 Verstorbenen Männer jünger als 45 Jahre gewesen seien. Die Zusammenstellung läßt auch erkennen, daß die 3 Patienten, die in weniger als 6 Monaten verstorben waren, sich alle in den Zwanzigern befunden hatten. 1973 folgte eine Zusammenstellung von Brownstein et al. von 100 Fällen, die offenbar aus New York City stammten u. mit dem 40.Lebensjahr begannen (Arch. Derm. 107,137). Im Jahre 1979 wurde nach Durchsicht der Krankenbücher des Roswell Park Memorial Institute (Buf falo) für den Zeitraum von 1952 bis 1978 u.a. über KS-Fälle im Alter von 10 bzw. 36 Jahren berichtet (Laor/Schwartz,J.Surg. Oncology 12,299-303).

73     Curran (FN 48 ), Prot. S.6

74     Vgl. z.B. Franz Enzinger/Sharon W. Weiss, Soft Tissue Tumors, 2.Auflage, St.Louis/Washington DC/Toronto, 1988, S.573: "Wie angedeutet, stellt die Früherkennung eine Kaposi-Sarkoms eines der schwierigsten diagnostischen Probleme dar ..." Vor allem können "die Veränderungen von dem Bild eines gut ausdifferenzierten Angiosarkoms buchstäblich ununterscheidbar sein. Eine genaue Krankengeschichte ist bei der Erstellung der Diagnose von größter Bedeutung. In den fortgeschrittenen Fällen können Verwechselungen mit einem Fibrosarkom vorkommen. ... Auch das Spindelzellangioendotheliom ... wird häufig mit einem Kaposi-Sarkom verwechselt." Andere haben eine Quasi-Identität mit einem Angiofibrom behauptet: "An dem Namen Sarkoma idiopathicum multiplex haemorrhagicum hat man vielfach Anstoß genommen, da die Knoten ... histologisch durchaus nicht den Eindruck eines Sarkomgewebes machen. Man möchte die Veränderungen vielmehr als Angiofibrom ansprechen, aus dem sich naturgemäß auch jederzeit ein Sarkom entwickeln kann." (Walter Friboes, Grundriss der Histopathologie der Hautkrankheiten, Leipzig 1921).

75     Susan Cavin, editor NY lesbian journal Big Apple Dyke News, Ausgabe August/September 1983, S.20

75a     John Lauritsen, NIDA Meetin Calls For Research Into The Poppers-Kaposi's Sarcoma Connection, New York Native 13.06.1994

76     VETERANS EXPOSURE TO AGENT ORANGE, HEARINGS BEFORE THE COMMITTEE ON VETERANS AFFAIRS; US.SENATE, 98th Congress, 1st Session, S.374, S.786, und S.991, June 15 and 22, 1983 ; US Gov.Pr. Office, Washington 1983 - S.211 (schriftl. Anfrage Senator Cranston)

77     Die Inserate erschienen ab der Ausgabe Nr.2/76 u. versprachen ein "promising new treatment program". Gemeint war ADRIAMYCIN. Als Ansprechpartner war Steven A. Rosenberg (Chief of NCI Surgery) angegeben.

78     The Agent Orange Cover-Up: A Case of Flawed Science an Political Manipulation .../Report by the Committee of Government Operations together with dissenting views, August 9, 1990, GPO 1990, S.3

79     Senator Cranston (FN 76 ) S.36 f.

80     American Medical News vom 19.11.1982

81     Statement Lewis Milford (National Veterans Law Center), Anhörung Repräsentantenhaus, 15.09.1982

82     Barclay Shephard ( Acting Director VA's Agent Orange Project Office) auf Frage des Anhörungsvorsitzenden Simpson, 15.Juni 1983 (FN 72 )

83     Barclay Shephard, Anhörung 27.April 83 (FN 72 ) - Prot. S.142

84     John F. Sommer (American Legion), Statement Anhörung 15.9.1982 - Prot. S.99

85     Schriftl. Aussage David F.Carter/ Michael N.Sovick, in: Scientific Research on the Health of Vietnam Veterans, Hearing before the Subcommittee on Hospitals and Health Care of the Committee on Veterans Affairs, House of Representatives,8.6.1988, S.276 ff. u. S.294 ff.

86     Oversight Review of CDC's Agent Orange Study, Hearing before the Human Human Resources and Intergovernmental Relations subcommittee of the Committee on Government Operations, House, 100th.Congress, 1.Session, 11.7.1989, GPO Washington 1990, S.31

87     Greenwald/Kovasznay/Collins/Therriault, Sarcomas of Soft Tissues After Vietnam Service, JNCI 73 (1984) 1107-1109

87a     James S.WOODS et al., Soft Tissue Sarcoma and Non-Hodgkin's Lymphoma in Relation to Phenoxyherbicide and Chlorinated Phenol Exposure in Western Washington, JNCI 78 (1987) 899-910

87b     Chapter 11 von Title 38 U.S.Code 1116 i.d.F. des Agent Orange Act of 1991 vom 6.2.91 (Public Law 102-4 (1991), soweit einschlägig, lautet: "Presumptions of service connection for diseases associated with exposure to certain herbicide agents... Each soft-tissue sarcoma becoming manifest to a degree of 10 percent or more other than osteosarcoma, chondrosarcoma, Kaposi's sarcoma, or mesothelioma. ..."

88     Pressekonferenz der US-Gesundheitsministerin Margaret Heckler mit "unserem bedeutenden Robert Gallo" am 23.April 1984. Heckler erklärte u.a.: "Heute fügen wir der langen Ehrenreihe amerikanischer Medizin und Wissenschaft ein weiteres Wunder hinzu. ... Der Pfeil aus Geld, medizinischen Mitarbeitern, Forschung und Experiment ... hat das Ziel getroffen. ... Die Entdeckung des heutigen Tages stellt den Triumph der Wisssenschaft über furchterregende Krankheit dar." (Zitate nach: James Kinsella, Covering the Plague: AIDS and the American Media, New Brunswick and London, 1989, S.84). Und: "Trotz der Entdeckung des menschlichen Krebsvirus' ist Heilung noch für Jahre nicht in Sicht, sagte Margaret Heckler." (nach: Wall Street Journal vom 24.April 1984, S.1).

89     Safai et al., Ann.Int.Med. 103 (1985) 744-750

90     Penn, The Etiology of Kaposi's Sarcoma, 1988

91     Brooks, Lancet 1986 II, 1309-1311

92     Oliver W. Holmes, Medical essays, Boston 1883