Christian Fiala:

HIV/AIDS - Wie groß ist die Gefahr für Jugendliche?

Am Beispiel der Rekruten

Seit vielen Jahren ist allgemein anerkannt, daß Jugendliche ein besonderes Risiko haben, sich mit HIV zu infizieren, weshalb sie Zielgruppe von vielfältigen Präventionsbotschaften und Kampagnen waren und immer noch sind. Versucht man das Risiko für Jugendliche etwas genauer zu definieren und abzuschätzen, so stößt man überraschenderweise auf die Schwierigkeit, daß es keine auch nur annähernd verläßlichen Daten dafür gibt. Angaben zum Alter bei positiven HIV-Tests sind in keiner Weise repräsentativ, da sie nur von einem Teil der Tests vorliegen und außerdem ungeklärt ist, wieviele davon auf Mehrfachtests entfallen. Außerdem gibt es keine altersspezifische Untersuchung über unerkannt HIV-positive Menschen.

Aus Deutschland ist bekannt, daß das Durchschnittsalter aller Aids-Kranken zum Zeitpunkt der Diagnose bei 38,9 Jahren lag. Unter den 13-24 Jährigen gab es in den letzten 15 Jahren 506 Aids-Kranke (bei einer Bevölkerung von 81 Millionen). Diese Altersgruppe stellt damit 3,6 Prozent aller bisher an Aids Erkrankten. Aus diesen Daten lassen sich allenfalls Vermutungen ableiten. Genaue Aussagen sind jedoch nicht möglich.

In dieser Situation können wir glücklicherweise auf die Auswertung von HIV-Tests bei Rekruten in Österreich zurückgreifen.

Der HIV-Test ist in Österreich zwar nicht Teil der Musterung, allerdings werden trotzdem fast alle der jährlich etwa 40.000 Rekruten regelmäßig auf HIV untersucht, und dies seit 1985. Grundlage dafür ist eine Vereinbarung zwischen dem Bundesheer, das eine kostengünstige Methode zur Blutgruppenbestimmung seiner Soldaten sucht, und dem Roten Kreuz, das ausnahmsweise auch von Nichtspendern kostenlos die Blutgruppe bestimmt, wenn gewährleistet ist, daß die überwiegende Mehrheit der Rekruten an den Blutspendeaktionen teilnimmt. Um in dieser Konstellation die Motivation der Rekruten sicherzustellen, dürfen diese nach erfolgter Spende bereits am Freitag in das Wochenende. Alle Nichtspender, darunter fallen gelegentlich auch solche, welche aus medizinischen Gründen abgelehnt wurden, bekommen hingegen erst ab Samstag Abend Ausgang und haben dann meist keine Möglichkeit mehr, mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu fahren. Dieses Vorgehen, das in Deutschland als mit der Freiwilligkeit unvereinbar abgelehnt wurde, sichert bisher eine fast vollständige Durchtestung der Österreichischen Rekruten. Damit stehen heute Daten über die Häufigkeit der HIV-Infektion von drei Viertel eines jeden männlichen Jahrganges im Alter zwischen 19 und 21 aus zwölf Jahren zur Verfügung.

Für die Interpretation der Daten müssen einige Einschränkungen berücksichtigt werden:

• Angehörige der Hauptbetroffenengruppe, Homosexuelle und Fixer werden im Rahmen der Musterung zum Teil von der Militärpflicht befreit, gleiches gilt für alle Bluter;

• Rekruten, welche wissen, daß sie HIV-positiv sind, widerstehen möglicherweise dem enormen Druck und verweigern eine Teilnahme an der Blutspende;

• in einem geringen Ausmaß nehmen auch Berufssoldaten an den Blutspenden teil. Einige der positiven Tests könnten von ihnen stammen;

• Jugendliche, die bereits einen positiven HIV-Test hatten, könnten versucht sein, dem Militärdienst zu entgehen und stattdessen Zivildienst beantragen;

• die Ergebnisse aus dem Bundesland Salzburg konnten leider nicht einbezogen werden. Angesichts der Tatsache, daß die umliegenden Bundesländer Tirol und Oberösterreich bisher überhaupt noch nie einen einzigen HIV-positiven Blutspender aus Kasernen hatten, und das Nachbarland Kärnten deren zwei, ist die Aussagekraft dieser Untersuchung durch das Fehlen der Zahlen aus Salzburg nur unwesentlich beeinträchtigt.

Zusammengenommen ergibt sich, daß die Blutspender aus Kasernen weitgehend repräsentativ für die heterosexuell aktiven, nicht i.v. drogenabhängigen männlichen Jugendlichen nach Abschluß ihrer Schulzeit oder Lehre sind. Der Anteil an Homosexuellen und i.v. Drogenabhängigen dürfte eher gering sei.

Würde man von einer Ausbreitung des HIV unter heterosexuellen Jugendlichen ausgehen, so müßte sich in der untersuchten Gruppe eine bedeutende und in den letzten Jahren zunehmende Zahl von positiven HIV-Tests manifestieren.

HIV-positive Blutspenden aus Kasernen in Österreich
Jahr
positive Blutspenden
Rekruten*
85
3
49.000
86
1
47.000
87
1
45.000
88
4
44.500
89
3
43.000
90
3
40.800
91
4
39.400
92
1
40.300
93
2
41.500
94
2
38.000
95
1
32.300
96
2
33.700
Summe
27
494.500

* nach Angaben des Verteidigungsministeriums
Aus der Blutbank Salzburg liegen keine Angaben vor.

 

Bekanntermaßen birgt der ungeschützte passive/rezeptive Analverkehr und das gemeinsame Benützen von Spritzen und Nadeln die größten Risiken einer Übertragung des HIV. Es ist davon auszugehen, daß ein kleiner Teil der Rekruten diesen Risikosituationen ausgesetzt war. Somit war zu erwarten, daß eine geringe Zahl von positiven HIV-Tests, vor allem im Großstadtbereich auch in dieser Gruppe auftreten würde. Tatsächlich kam es zu durchschnittlich 2,3 positiven Ergebnissen pro Jahr. Fast alle Meldungen, nämlich 25 von insgesamt 27, kamen von der Blutbank Wien, welche auch das Burgenland und Niederösterreich betreut. (Wien ist die einzige Großstadt in Österreich.) In Kärnten gab es seit 1985 insgesamt 2 positive Blutspender aus Kasernen. Die anderen Bundesländer, Oberösterreich, Steiermark, Tirol und Vorarlberg, hatten seit 1985 bis heute noch keinen einzigen HIV-positiven Blutspender aus Kasernen.

Eine Veränderung im Zeitverlauf ist nicht zu beobachten.

Ausgehend von einer Beteiligung an den Blutspenden von ungefähr 95% der Rekruten, ergibt das in etwa eine Rate von 6 positiven HIV-Tests auf 100.000 Blutspender. (Unter allen männlichen Erstspendern in Deutschland lag diese Rate im Jahr 1993 bei 11,6.)

Auch die Untersuchungen aus Deutschland, welche vom Verteidigungsministerium veröffentlicht werden, haben ein ähnliches Resultat ergeben. Allerdings sind die Daten dort nicht so aussagekräftig, weil die Beteiligung der Rekruten an den Blutspendeaktionen, wegen der tatsächlich gegebenen Freiwilligkeit, wesentlich geringer ist.

Eine Ausbreitung des HIV unter männlichen Jugendlichen, außerhalb derjenigen, die eines der bekannten klassischen Risikoverhalten haben, ist deshalb aufgrund der vorliegenden Daten nicht zu beobachten.

Um das Risiko für den weiblichen Teil der Jugendlichen abzuschätzen, ist es sinnvoll, auf die Ergebnisse der anonymen, unverknüpften Testung bei Neugeborenen zurückzugreifen. Dabei wird nach der Geburt Restblut aus der Nabelschnur anonym auf HIV-Antikörper getestet. Das Ergebnis gibt dabei Auskunft über eine allfällige HIV-Infektion der Mutter. Seit 1993 wird diese Untersuchung bei fast allen Geburten in Berlin, der deutschen Stadt mit den meisten Aids-Fällen pro Einwohner gemacht. Inzwischen laufen derartige Untersuchungen auch in Niedersachsen und Bayern. Das Robert Koch Institut in Berlin, das für die Auswertung der deutschen Zahlen verantwortlich ist, kommt dabei zu folgendem Schluß: "Die bisherigen Ergebnisse - HIV-Prävalenzen bei gebärenden Frauen von deutlich unter 1 pro Tausend - bestätigen die Annahme einer bisher geringen Ausbreitung von HIV in der allgemeinen, heterosexuellen Bevölkerung."

Vor diesem Hintergrund scheint es notwendig die Sexualaufklärung und Aids-Prävention neu zu überdenken. Heterosexuelle, nicht i.v.-drogenabhängige Jugendliche mittels undifferenzierter und angstmachender Präventionsbotschaften vor einer Gefahr zu warnen, die nach mehr als 18 Jahren HIV, weder subjektiv, noch objektiv in einem nachweisbaren Ausmaß besteht, kann nicht zielführend sein. Vielmehr wird dadurch die, für jede Aufklärung unabdingbare Glaubwürdigkeit gefährdet. Andererseits fehlt den meisten Präventionsbotschaften der explizite Hinweis auf die Gefährlichkeit des ungeschützten, passiven/rezeptiven Analverkehrs, für Frauen ebenso wie für homosexuelle Männer.

Für sexuell aktive Menschen war Schutz in der Sexualität schon in der Zeit vor Aids immer ein wichtiges Thema. Es scheint notwendig zu sein an diese Tradition anzuknüpfen und in den Aufklärungsbotschaften den Schutz vor einer ungewollten Schwangerschaft und den klassischen sexuell übertragbaren Krankheiten wieder in den Vordergrund zu stellen. Sinnvollerweise sollte dies in einer Art und Weise geschehen, die den subjektiven Erfahrungen Jugendlicher entspricht. Ferner sollte auf jede Angstmache verzichtet werden, da sich gezeigt hat, daß damit keine anhaltende Veränderung des Sexualverhaltens erreicht werden kann.

Es sei in diesem Zusammenhang daran erinnert, daß auch die Kirche versucht hat mittels Angstbotschaften eine restriktive Sexualmoral unter die Menschen zu bringen. Die letzte große Kampagne dieser Art, fand vor 35 Jahren statt und sollte die Einführung der Pille verhindern. Das verwendete Bedrohungszenario der Kirche, Fegefeuer, Rückenmarksschwund oder Verfall von Moral und Sitten, entsprach damals ebensowenig der Erfahrung der Menschen, wie die angebliche Epidemie von Aids unter der heterosexuellen Bevölkerung heute. Das Beharren der Kirche auf diesen falschen Bedrohungen hat, wie wir nach nunmehr 2.000 Jahren wissen, weder unser Sexualverhalten verändert, noch uns nach Sodom und Gomorrha geführt. Dafür ist die Glaubwürdigkeit der Kirche, und in der Folge auch ihr Einfluß, in einem damals nicht vorstellbaren Ausmaß geschrumpft.

*

Diese Untersuchung wäre nicht möglich gewesen, ohne die Unterstützung der Österreichischen Gesellschaft für Familienplanung und der Blutbanken des Österreichischen Roten Kreuzes. Ich danke ihnen für ihre Mitarbeit.

*

Literatur:

Robert Koch Institut, Berlin, Bericht zur epidemiologischen Situation in der Bundesrepublik Deutschland. zum 31.12.1996

Walther M. et al, Aids in der Bundeswehr - epidemiologische Daten, Prävention und Therapie, Wehrmedizinische Monatsschrift; 1997, Februar-März: 38-41

Abgrall J. et al., Évolution de l'infection à VIH, du SIDA et des maladies sexuellament transmissibles chez les Militaires Français, bulletin épidémiologique hebdomadaire, 1997, no 50: 221-2

 
Der Text wurde vom Autor zur Verfügung gestellt; die Erstveröffentlichung erfolgte in
facts 04/98 - Österreichisches Institut für Jugendforschung.

Eine englische Fassung wurde veröffentlicht unter der Adresse:
http://www.virusmyth.com/aids/data/chrfteens.htm