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Das Geschäft mit der Panik

AIDS in Afrika

von Rian Malan

 

Dass die Gefahr real und die Lage dramatisch ist, wird niemand in Frage stellen. Fragwürdig aber sind die Zahlen, mit denen die Medien und die Weltgesundheits-Behörde die Aids-Hysterie nähren.
Eine provokante These des südafrikanischen Journalisten Rian Malan. 

 



Dieser Artikel erschien im Dezemberheft 2001 der Zeitschrift RollingStone. Wir danken  RollingStone für die Erlaubnis, den Artikel zu übernehmen.

Das Originalheft kann über die homepage von RollingStone bestellt werden: http://www.rollingstone.de/


 

Es ist meine traurige Pflicht, den Tod von Adelaide Ntsele bekanntzugeben. Vielleicht erinnern sich einige Leser noch: Sie spielte eine kleine Rolle in meinem Artikel vom letzten Jahr über die verschlungene Geschichte des Songs "The Lion Sleeps Tonight" der auf einer Melodie ihres Vaters, des großen Zulu Sängers Solomon Linda, basierte. 
Während ich ihre Schwestern befragte, lag Adelaide fiebernd unter speckigen Decken. Sie stand nur auf, um fotografiert zu werden, und war so schwach, dass sie kaum stehen konnte, aber es war ihr wichtig, dass ihr Bild in der Zeitschrift erschien.
Hinterher brachte ich sie ins Krankenhaus. Wir saßen lange in der Notaufnahme und warteten, dass sich jemand um sie kümmerte. Ihre Schwester Elizabeth, die Krankenschwester ist, sah sich ihr Krankenblatt an und wurde auf einmal sehr still. Später sagte sie mir, da sei ein Symbol gewesen, das bedeutete, Adelaide sei HIV-positiv. Außerdem litt sie an Tuberkulose und einer Frauenkrankheit, die dringend operiert werden musste. Die Operation war mehrmals verschoben worden. Für Elizabeth sah es so aus, ab hätten die Ärzte entschieden: "Die ist nicht mehr zu retten, lassen wir sie sterben." Und das taten sie dann traurigerweise auch.

Doch jetzt ist die Trauerzeit vorbei, und es gibt Dinge, die gesagt werden müssen.

 

1. Mein erster Fehler
2. Ein verbotener Gedanke
3. Erinnerungen
4. "Blödsinn!"
5. Wer kann zehn Jahre warten?

 

1. Mein erster Fehler

Afrikas Zeitalter des millionenfachen Todes begann im Herbst 1983, als der Leiter der internistischen Abteilung eines Krankenhauses im damaligen Zaire einen Bericht an US-Gesundheitsexperten schickte und sie informierte, unter seinen Patienten sei eine merkwürdige Krankheit ausgebrochen. Zu jener Zeit wurden die USA von einer ähnlichen Krise geschüttelt. Homosexuelle Männer entwickelten auf einmal scharenweise eine bis dato unbekannte, außergewöhnlich bösartige Krankheit. Wissenschaftler nannten sie GRID, die Abkürzung für Gay-Related Immune Deficiency, und konservative Politiker und Evangelisten beeilten sich, sie als Strafe Gottes an den Sündern zu interpretieren. Nun war ein ähnliches Syndrom in Afitika aufgetreten, aber in der heterosexuellen Bevölkerung. Die Forscher waren fasziniert, man stellte ein Team erfahrener Seuchenjäger zusammen und schickte es nach Afrika, um die Sache aufzuklären.
Am 18. Oktober 1983 betraten die Forscher das Mama Yemo Hospital in Kinshasa, angeführt von Peter Piot, 34, einem belgischen Mikrobiologen, der Jahre zuvor am selben Ort den ersten Ausbruch des Ebola-Fiebers untersucht hatte. Ihm fiel sofort auf, dass diesmal etwas anders war. "1976 gab es dort fast keine jungen Erwachsenen, bis auf ein paar Autounfälle in der Chirurgie", erzählte Piot einem Reporter. "Diesmal kam ich rein und sah sofort all diese jungen Männer und Frauen, ausgezehrt, im Sterben liegend." Tests bestätigten seine schlimmsten Befürchtungen. Die geheimnisvolle neue Krankheit grassierte auch in Aftika, und ihre Opfer waren heterosexuell. Als Forscher begannen, nach dem neuen Abwehrschwäche-Virus zu suchen, fanden sie ihn fast überall. 80 Prozent der Prostituierten in Nairobi waren infiziert, 32 Prozent der Lastwagenfahrer in Uganda, 45 Prozent aller Kinder in ruandischen Krankenhäusern. Schlimmer noch, das Virus schien sich ungeheuer schnell zu verbreiten. Epidemiologen übertrugen Zahlen in Diagramme, verbanden Datenpunkte durch Linien und starrten entsetzt aufdie Ergebnisse. Die Seuchenkurve endete irgendwo in der Stratosphäre. Dutzende Millionen - vielleicht mehr - würden sterben, wenn nicht bald etwas geschah.

Diese Prognosen sollten die Welt verändern. 1983 war AIDS noch eine recht seltene Krankheit, die hauptsächlich unter Schwulen und Fixern im Westen auftrat. Einige Jahre später bedrohte sie die gesamte Menschheit. "Wir stehen hilflos vor einer Seuche, die noch tödlicher ist als alles, was wir kennen", erklärte Halfdan Mahler, Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation WHO 1986 auf einer Pressekonferenz. Im Westen reagierte man aufseinen verzweifelten Appell. Milliarden wurden in Aufkärungskampagnen investiert. AIDS-Forscher, bis dahin nicht gerade mit üppigen Budgets gesegnet, hatten auf einmal mehr Geld zur Verfügung als sie ausgeben konnten. Überall in Afrika entstanden nichtstaatliche AIDS-Organisationen - 570 in Zimbabwe, 300 in Südafrika, 1.300 in Uganda. Weltweit stiegen die Ausgaben für AIDS bis 2000 auf mehrere Milliarden Dollar pro Jahr. Aktivisten forderten weitere Milliarden, um der Apokalypse in Afrika zu begegnen, wo angeblich 22 Millionen das Virus in sich trugen und 14 Millionen bereits daran gestorben waren.

Und hier komme ich ins Spiel - im Juli 2000, drei Monate, nachdem der südafrikanische Präsident Thabo Mbeki angekündigt hatte, eine Kommission aus Wissenschaftlern zusammenstellen zu wollen, die die Zusammenhänge zwischen dem Abwehrschwäche-Virus und AIDS erforschen sollte. Mbeki sagte nicht explizit, AIDS existiere nicht, doch seine Maßnahme deutete daraufhin, und das war geradezu unfassbar angesichts der Tatsache, dass es in Südafrika damals mehr HIV-Fälle (4,2 Millionen) gab als in jedem anderen Land der Erde. Jeder fünfte Erwachsene war bereits infiziert. Als die Öffentlichkeit erkannte, was Mbekis Worte eigentlich bedeuteten, verwandelte sich Ungläubigkeit in Hohn und Spott.

"Grotesk", meinte die "Washington Post". "Ein wenig Aufgeschlossenheit ist ja ganz nett", verkündete "Newsday". "Doch manche sind so aufgeschlossen, dass ihnen das Gehirn rausfällt."

Die ganze Welt lachte, und ich rieb mir die Hände: Zum ersten Mal nach Ende der Apartheid machte Südafrika wieder weltweit Schlagzeilen. Wer die Gunst der Stunde nutzte, würde davon profitieren. Ich besuchte einen Freund, der AIDS-Forscher ist. Mbekis Initiative hatte ihn derart in Rage gebracht ("völkermörderische Dummheit"), dass er den Laborkittel ausgezogen hatte und nach Hause gegangen war, wo ich ihn depressiv im Sessel hängend vorfand. "Hey", sagte ich, "reiß dich zusammen. Lass uns ein Geschäft machen." Und das taten wir: Er würde erzählen, ich schreiben, und zusammen würden wir die Welt über die Hintergründe von Mbekis AIDS Fiasko aufklären.

Da Mbeki, den Zeitungen zufolge, sein Wissen vor allem aus dem Web bezogen hatte, warf ich den Laptop an und folgte ihm in die virtuelle Unterwelt der AIDS-Häresie, wo abtrünnige Wissenschaftler Websites betreiben, die AIDS als Schwindel deklarieren, ersonnen von einer diabolischen Allianz aus Pharmaunternehmen und "faschistischen" Akademikern, deren einziges Interesse darin besteht, sich selbst zu bereichern. Ich besuchte mehrere solcher Sites und wandte mich dann den Webseiten der Universitäten und Regierungen zu, auf denen diese Theorie in Grund und Boden gestampft wurde. Ich kann nicht behaupten, alles verstanden zu haben, weil das Ganze natürlich sehr fachspezifisch war, doch im Wesentlichen ging es um Folgendes:

Man muss AIDS aus afrikanischer Perspektive sehen. Stell dir vor, du sitzt in einer Lehmhütte oder in einer Blechbaracke am Rande irgendeiner wuchernden Stadt. In den Straßen liegt der Müll, es wimmelt von Fliegen und Moskitos, das Trinkwasser ist wahrscheinlich durch Kot verschmutzt. Du bist schwach, unterernährt und gebeutelt von Krankheiten, die aus Geldmangel nicht ordentlich behandelt werden können. Was schlimmer ist, diese Krankheiten mutieren und werden mit der Zeit bösartiger und immun gegen Medikamente. Geringere Plagen wie Durchfall oder Lungenentzündung reagieren kaum mehr auf Antibiotika. Malaria verweigert sich der Behandlung mit Chloroquin, das für arme Afrikaner häufig das einzige Gegenmittel ist. Einige Stämme der Tuberkulose, die in Afrika ebenfalls unzählige Opfer fordert, sind praktisch nicht mehr heilbar. Und zu alldem kommt jetzt auch noch AIDS.

Im Radio hast du gehört, dass AIDS von einem winzigen Virus hervorgerufen wird, das viele Jahre lang unerkannt im Blut lauert, bevor es sich zeigt, allerdings nur in Verkleidung: eine Krankheit, deren Symptome andere Krankheiten sind. Tuberkulose, zum Beispiel. Oder Lungenentzündung. Blutige Durchfälle bei Babys. Diese Krankheiten hat es schon immer gegeben, weshalb viele Afrikaner skeptisch bleiben und behaupten, AIDS sei in Wirklichkeit Amerikas Versuch, die Menschen vom Sex abzuhalten und stehe für "American Idea for Discouraging Sex". Andere sagen, das ist Unsinn, die Wissenschaftler haben Recht, wir werden alle sterben, wenn wir keine Kondome benutzen. Doch Kondome kosten Geld, und das hast du nicht, also hoffst du einfach, dass nichts passiert

Dann bekommst du eines Tages einen Husten, der nicht mehr weggeht, und du verlierst rapide an Gewicht. Die Symptome kennst du. Früher hast du ein paar Pillen geschluckt, und sie verschwanden wieder. Doch auf einmal wirken diese Medikamente nicht mehr. Du wirst kränker und kränker. Und schließlich landest du auf der AIDS-Station.

Orthodoxe Wissenschaftler würden, wenn sie dich dort liegen sehen könnten, deinen Zustand folgendermaßen erklären: Das HIV-Virus hat dein Immunsystem zerstört, so dass die Tuberkulose (oder was es sonst ist) leichtes Spiel hat. Die Dissidenten würden sagen, stimmt nicht, das Virus ist ein harmloser Organismus; der Zusammenbruch des Immunsystems wird in Wirklichkeit von anderen Faktoren verursacht - in deinem Fall von lebenslanger Unterernährung und einem Bombardement tropischer Krankheitserreger.

Erzürnt fordert das orthodoxe Lager eine Lkw-Ladung medizinischer Erhebungen aus ganz Afrika an, die belegen, dass die Sterblichkeitsrate bei HIV-positiven Krankenhauspatienten um ein Vielfaches höher liegt als bei ihren HIV-negativen Pendants. Die Dissidenten beeindruckt das wenig. Das beweist gar nichts, sagen sie, außer dass sterbende Krankenhauspatienten eben Virusträger sind.

Die Orthodoxen knirschen mit den Zähnen. Es gibt nur einen Weg, diese Rebellen in ihre Schranken zu weisen - man muss beweisen, dass AIDS eine neue Krankheit ist, die die Sterblichkeit in Afrika massiv erhöht hat. Und das wäre angesichts der Zahlen, die wir kennen, natürlich der Fall: 22 Millionen Infizierte, 14 Millionen Tote.

Alles, was zählte, waren diese furchterregenden Zahlen, so schien es mir. Sobald sie bestätigt waren, wäre jede weitere Diskussion geradezu obszön und Thabo Mbeki als Narr entlarvt, der sich von einer kleinen Gruppe Spinner und wissenschaftlicher Psychopathen hatte mitreißen lassen. Also machte ich mich daran, die Zahl der Opfer zu überprüfen. Das würde einfach sein, dachte ich - ein Anruf oder zwei - vielleicht ein kurzes Interview. Ich griff zum Telefonhörer. Doch das war mein erster Fehler.

2. Ein verbotener Gedanke

Noch vor nicht allzu langer Zeit hatte ich mir medizinische Forschung als Werk von Idealisten vorgestellt, die sich nach Kräften bemühen, der Wahrheit und nichts als der Wahrheit auf die Spur zu kommen. Aus der Nähe betrachtet erwies sie sich jedoch als ganz normales menschliches Unterfangen und als solches geprägt von Neid, Ehrgeiz und dem Bestreben, die eigenen Schäfchen ins Trockene zu bringen. jede Krankheit hat ihre Verfechter, die Daten sammeln und daraus Bedrohungsszenarien entwickeln. Die Krebsforscher erzählen dir, dass ihre Krise sich verstärkt und die Budgets dringend aufgestockt werden müssen. Aus der Malaria-Ecke kommen ähnliche Töne, bei TB sieht es nicht anders aus, usw. Rechnet man alle Prognosen zusammen, ergibt sich eine weltweite Sterblichkeitsrate, die "zwei-bis drei Mal so hoch ist wie die tatsächliche Mortalität", so Christopher Murray, Leiter einer WHO Abteilung.

Malaria tötet jedes Jahr etwa 2 Millionen Menschen, ungefähr so viele wie AIDS. Malaria-Forscher erhalten derzeit jedoch nur einen Bruchteil der Gelder, die in AIDS-Projekte gesteckt werden. Tuberkulose (1,7 Millionen Opfer pro Jahr) führt ein ähnliches Schartendasein -1998 befand sich kein einziges neues Tuberkulose-Mittel in Entwicklung. AIDS dagegen ist bestens bestückt - mit geschätzten 100.000 Wissenschaftlern, Soziologen, Epidemiologen, Pflegern, Beratern, Aufklärern und Veranstaltern von Kondom-Festen. Bis zum 11. September, als die Ängste (und Spenden-Dollars) der Welt ein neues Ziel fanden, stand mit jedem Tag mehr Geld für die AIDS-Bekämpfung zur Verfügung. Der Quell wurde gespeist durch Stiftungen, Regierungen und private Wohltäter wie Bill Gates und am Fließen gehalten durch schlechte Nachrichten, üblicherweise in Form von Artikeln, in denen AIDS als "gnadenlose Heimsuchung" von gar "biblischen Ausmaßen" beschrieben wurde.

All diese Geschichten haben ihren Ursprung in Afrika, doch die Statistiken, die sie stützen, stammen aus den Vororten von Genf, wo die WHO ihr Hauptquartier hat. Technisch den Vereinigten Nationen unterstellt, agieren WHO-Beamte als weltweite Krankheitspolizei. Sie ziehen gegen alte Plagen zu Felde, warnen vor neuen, bekämpfen Epidemien und unterstützen arme Länder mit Geld und Know-how. Gemeinsam mit UNAIDS (dem HIV/AIDS-Programm der UNO, das auf dem gleichen Gelände in Genf beheimatet ist) sammelt die WHO natürlich auch Informationen zur AIDS-Epidemie.

Im Westen ist es relativ einfach, an solche Daten zu kommen. Fast jeder neue AIDS-Fall wird wissenschaftlich geprüft und den zuständigen Behörden gemeldet, die wiederum die Gesundheitspolizei in Genf informieren. In Afrika dagegen, wo AIDS am stärksten wütet, verfügen die wenigen Krankenhäuser weder über ausreichendes Personal noch über die nötige Laboreinrichtung. Wie kann man unter solchen Bedingungen den Verlauf einer Epidemie verfolgen? 1985 bat die WHO einige Experten, AIDS in möglichst einfachen Worten zu beschreiben, damit auch Buschärzte die Symptome erkennen und Fälle erfassen konnten. Heraus dabei kam jedoch ein Fiasko, teils, weil Ärzte gezwungen waren, die Diagnose nach Augenschein zu stellen, vor allem aber, weil afrikanische Regierungen nicht in der Lage waren, die Zahlen zusammenzuführen. Als klar war, dass das Meldesystem nicht funktionierte, entwickelte die WHO flugs eine Alternative, auf der heute fast die gesamte AIDS-Statistik in Afrika basiert.

Diese Methode funktioniert so: Jeden Morgen bilden sich vor den Schwangeren-Beratungsstellen in Ländern südlich der Sahara lange Schlangen werdender Mütter, die auf eine Vorsorgeuntersuchung warten. Bei dieser Untersuchung wird auch Blut für einen Syphilis-Test abgenommen. Laut UNAIDS werden "anonyme Blutproben, die bei diesen Tests übrig bleiben, auf HIV-Antikörper getestet", ein Ritual, das üblicherweise einmal pro Jahr stattfindet. Die Ergebnisse werden in ein Computermodell eingespeist, das mit Hilfe "einfacher Rückrechnungs-Verfahren" und Informationen über "die bekannten Verläufe einer HIV-Infektion" Statistiken für den gesamten Kontinent erstellen. Ist eine bestimmte Anzahl Schwangerer HIV-positiv, so die Formel, muss davon ausgegangen werden, dass auch ein bestimmter Prozentsatz aller Erwachsenen und Kinder infiziert ist. Von diesen muss wiederum ein bestimmter Prozentsatz mittlerweile gestorben sein. Wenn UNAIDS bekannt gibt, 14 Millionen Afrikaner seien AIDS zum Opfer gefallen, bedeutet das also nicht, dass 14 Millionen Leichen gezählt wurden, sondern lediglich, dass 14 Millionen Menschen "theoretisch" gestorben sind.

Nun gut, solche Zahlen mögen vielleicht für den Rest Afrikas ausreichen, doch in meinem Heimatland geht es anders zu - wir sind eine halbindustrialisierte Nation mit einem angesehenen statistischen Dienst. "Südafrika", meint Professor lan Timaeus, ein UNAIDS-Berater, "ist das einzige Land südlich der Sahara, wo routinemäßig genügend Todesfälle erfasst werden, um die Schätzungen zur landesweiten Sterblichkeitsrate zu rechtfertigen."

Die Zahl registrierter Todesfälle in Südafrika zu überprüfen, schien mir daher der sicherste Weg zur Bestätigung der aus Genf stammenden Statistiken zu sein. Also her mit den Zahlen. Dem Genfer Computermodell zufolge hatte sich die Zahl der AIDS-Opfer von etwa 80.000 im Jahr 1996 auf 250.000 im Jahr 1999 verdreifacht. In etwa demselben Zeitraum meldete Südafrika bei der Gesamtzahl registrierter Todesfälle jedoch lediglich einen Anstieg von 294.703 auf 343.535. Die Abweichung war so groß, dass ich an das Statistische Landesamt und das staatliche Medical Research Council Schrieb, um sicherzustellen, dass ich die Zahlen richtig interpretiert hatte. Beide Stellen bestätigten dies - und nun hatte ich ein Problem. Die Zahlen aus Genf wiesen auf eine Katastrophe hin. Die aus Pretoria nicht. 
Zwischen diesen beiden Extremen lag aber eine Grauzone, die von lokalen Experten wie Stephen Kramer bevölkert wird, Leiter der AIDS-Forschungsstelle des Versicherungskonzerns Metropolitan, dessen eigene Prognosen bei etwa einem Drittel der Genfer Sterblichkeitsrate lagen.

Weil diese Tatsache meiner Geschichte eine unvorhergesehene Wendung gab, versuchte ich zunächst, sie zu ignorieren. Wenn tatsächlich sehr viele Südafrikaner an AIDS starben, dann mussten die Sarghersteller doch Mühe haben, dem steigenden Bedarf gerecht zu werden, oder?
Also rief die drei größten Firmen an, die den südafrikanischen Markt mit industriell gefertigten Särgen beliefern. "Es ist ruhig", meinte Kurt Lammerding von GNG Pine Products. "Wir merken überhaupt nichts." Die Konkurrenz fand das auch - das Geschäft war tot, sozusagen.
"Stimmt", sagte A. B. Schwegman von B&A Coffins. "Nach dem, was in den Zeitungen steht, sollten wir mit Aufträgen überschwemmt werden, aber nichts dergleichen. Was das bedeutet? Keine Ahnung."

Ich hatte auch keine, vermutete aber, es könnte etwas mit der Hautfarbe zu tun haben. Seit dem Zusammenbruch der Apartheid im Jahre 1994 schießen in den schwarzen Townships illegale Bestattungsunternehmen wie Pilze aus dem Boden, und meine Quellen wollten die Möglichkeit nicht ausschließen, dass diese Firmen ihre Särge auf dem Schwarzmarkt beziehen. Ein Anruf bei Mmabatho Coffins (ein "schwarzes" Unternehmen) ergab, dass die Firma nicht mehr existierte, ebenso wie einige andere, die ich zu kontaktieren versuchte. Die Sache wurde immer mysteriöser Die Todesrate hatte sich im vergangenen Jahrzehnt angeblich fast verdoppelt, und wenn das stimmte, musste irgendwer irgendwo viele Särge verkaufen.

In diesem Moment kam mir ein verbotener Gedanke. Dem Leser, Tausende von Meilen entfernt, wird er vielleicht verrückt vorkommen, doch man versuche, sich in meine Lage zu versetzen. Du lebst in Afrika - klar, im postkolonialistischen Dämmerlicht der einstmals "weißen" Vororte von Johannesburgs, doch immer noch nahe genug an der AIDS-Front. Seit Jahren erzählen dir die Experten, dass die Seuche den Kontinent von Norden her erobert und immer näher rückt. Zunächst merkt man davon nichts, doch irgendwann beginnen die HIVPrognosen immer düsterer zu werden, bis du im Jahr 2000 in den Zeitungen liest, dass einer von fünf Erwachsenen in deiner Straße dem Tod geweiht ist.

Das muss wahr sein, schließlich stammt es von Experten, also suchst du nach Hinweisen. Laston, der Gärtner von Nummer 10, ist verdächtig dünn und hustet ständig. Auf der anderen Seite des Golfplatzes hat Mrs. Smith gerade ihren geliebten Diener begraben. Mr. Beresfords Hausmädchen ist auch vor kurzem gestorben. Dein Cousin Lennie kennt jemanden, der jemanden kennt, dem eine Fabrik gehört, in der alle Arbeiter sterben. Die Zeitungen beschwören regelmäßig den Zusammenbruch der Wirtschaft herauf, und den Kollaps des Schulwesens, weil so viele Lehrer inzwischen tot sind.

Doch dann starrst du in die Werkstätten eines dieser Pleite gegangenen Sargtischler und denkst: "Mein Gott, vielleicht stimmt hier irgendetwas nicht..."

Ist das möglich? Klar weiß ich, dass AIDS existiert und dass Afrikaner daran sterben. In meinem Viertel hat die Seuchenpropaganda den Leuten derart die Köpfe verdreht, dass wir automatisch von AIDS ausgehen, wenn jemand ernsthaft erkrankt oder stirbt - besonders wenn die Person arm und schwarz ist. Aber ganz genau wissen wir es nicht, ebenso wenig wie die Kranken selbst, denn testen lässt sich hier kaum jemand."Wozu denn?", fragt Laston, der kränkelnde Gärtner. Er weiß, dass AIDS nicht geheilt werden kann und dass es für ihn keine Möglichkeiten gibt, an lebensverlängernde Medikamente zu kommen. Letzten Winter erwischte ihn ein böser Husten und alle sagten, es sei AIDS, aber im Sommer daraufhin es Laston wieder besser. Wir spielen ein makabres Ratespiel.

Besorgte Freunde schoben Zeitungsausschnitte in meinen Briefkasten: überfüllte Friedhöfe ... überlastete Krankenhäuser .. Zahl der Todesfälle in Gefängnissen um 585 Prozent gestiegen. Ich überprüfte diese Nachrichten, und häufig gab es andere Erklärungen - besonders günstige Grabstätten, eine TB-Epidemie in den überfüllten Strafanstalten oder Budgetkürzungen in staatlichen Krankenhäusern. Nach monatelangen Recherchen riss selbst meiner Mutter der Geduldsfaden."Halt die Klappe!", zischte sie, "du wirst noch in der Zwangsjacke landen."

3. Erinnerungen

Szenenwechsel: Wir stehen auf einer Anhöhe am Äquator und blicken über die Gegend, in der die ersten amtlich erfassten AIDS-Fälle in Afrika auftraten. Dort, an der Grenze zwischen Uganda und Tansania, wo der Kagera-Fluss in den Victoria-See mündet, liegt ein Dorfnamens Kashenye. Im Jahr 1979, so erzählen sich die Bewohner, kam ein Händler in einem Kanu über den Fluss, um seine Waren in Kashenye zu verkaufen. Als die Geschäfte unter Dach und Fach waren, besorgte er sich ein paar Flaschen Bier und entspannte sich in Gesellschaft eines der Mädchen des Dorfes. Dieses Mädchen fiel einige Zeit später einer seltsamen, schwindsuchtähnlichen Krankheit zum Opfer, die sich mit keiner bekannten Medizin, ob von Arzt oder Medizinmann, behandeln ließ.

Wenig später, so berichtet Edward Hooper in seinem Buch "Slim", ereignete sich ein ähnliches Drama in Kasensero, einem Fischerdorf auf der ugandischen Seite des Flusses. Das erste Opfer dort war ebenfalls ein Mädchen, und verursacht wurde die Infektion angeblich von einem Besucher aus Kashenye. Als weitere Bewohner von Kasensero erkrankten, beschuldigte man Kashenye der Hexerei. Die Menschen dort antworteten mit ähnlichen Anschuldigungen. Bald entledigten sich Dorfbewohner an beiden Ufern des Flusses aller Gegenstände, die von der anderen Seite stammten. Doch nichts half, 1983 hatte sich die Krankheit auf alle Städte am Westufer des VictoriaSees ausgebreitet. Innerhalb weniger Jahre wurde die Region bekannt als Epizentrum der afrikanischen AIDS-Epidemie. Der ugandische Präsident Museveni sprach von einer bevorstehenden Apokalypse.

Seine Prophezeiung beruhte vor allem auf Tests, die man innerhalb kleiner Gruppen stark gefährdeter Personen durchgeführt hatte. Viele Faktoren waren jedoch unbekannt, so zum Beispiel die tatsächliche Infektionsrate bei der Normalbevölkerung, die Geschwindigkeit, mit der sich die Krankheit verbreitete, und die durchschnittliche Lebensdauer nach der Infektion. Um einen wirksamen Schlachtplan entwickeln zu können, benötigten die AIDS-Forscher dringend mehr Daten.

Auf der Suche nach einem geeigneten Erhebungsort verfiel man schließlich auf den Masaka-Distrikt in Uganda, eine ziemlich ärmliche Gegend westlich des Victoria-Sees und etwa 100 Meilen nördlich des "Ground Zero". Die Infektionsrate unter den Erwachsenen dort war nicht besonders hoch, nur etwas über acht Prozent, doch Masaka bot sich aus anderen Gründen an. Der Distrikt war politisch stabil und der nächste internationale Flughafen nur drei Stunden entfernt. 1989 begann ein holländischer Epidemiologe namens Daan Mulder mit den Vorbereitungen zu einer Feldstudie, die zur längsten und wichtigsten ihrer Art in Afrika werden sollte.

Unterstützt von einer Schar Mitarbeiter zog Mulder einen Kreis um 15 Dörfer in Masaka und ließ alle Bewohner zählen. Dann nahm er Blutproben von allen Bewohnern, die damit einverstanden waren (8833 von 9777), testete sie auf HIV und wartete ab, um zu sehen, was passieren würde. Jeder Haushalt wurde mindestens einmal pro Jahr besucht und jeder Todesfall in Mulders Datenbank erfasst, natürlich mit dem HIV-Status des Verstorbenen.

Die ersten Ergebnisse wurden 1994 veröffentlicht und waren verheerend. Die Todesrate unter den HIV-infizierten Bewohnern von Masaka lag fünfzehn Mal höher als bei ihren nicht infizierten Nachbarn. Junge Erwachsene mit dem Virus im Blut hatten ein sechzehnfach erhöhtes Sterberisiko. Insgesamt waren schwindelerregende 42 Prozent aller Todesfälle auf Krankheiten zurückzuführen, die mit HIV in Verbindung standen. Die AIDS-Dissidenten waren geschlagen, die HIV-Theorie bestätigt. "Sollte es noch Zweifler geben, die nicht einmal diese Daten akzeptieren wollen", kommentierte das amerikanische Bundesamt für Seuchenkontrolle", muss ihre Erklärung für den Zusammenhang zwischen HIV-Infektion und frühzeitigem Tod eine sehr merkwürdige sein."

Nur ein Idiot würde derart schlagkräftige Beweise in Frage stellen. Ich besuchte also lediglich die Dörfer, in denen auch Mulder geforscht hatte, verifizierte seine Ergebnisse und fuhr zurück zum Flughafen. Die Geschichte über Mbekis Dummheit war wieder voll akut. Doch dann erfuhr ich bei einem Zwischenstopp im ugandischen Statistikamt Dinge, die die Situation in einem anderen Licht erscheinen ließen.

1948 führten die britischen Kolonialherren in Uganda eine nicht sehr gründliche Volkszählung in Masaka durch, aus der sich eine jährliche Sterblichkeitsrate von "mindestens 25 bis 30 pro Tausend" ergab. Eine zweite Zählung 1959 ergab 21 Todesfälle pro Tausend Einwohner. 1969 war die Zahl auf18 pro Tausend gesunken. 1991 lag sie bei 16 pro Tausend. Nun kommt Daan Mulder mit seinen Bluttests, seinen riesigen Budgets und seinen Armeen von Mitarbeitern. Er zählte jeden Todesfall, erst über zwei Jahre, dann über fünf, und hier ist das Ergebnis: Die nicht aufgeschlüsselte Sterblichkeitsrate in Masaka lag, mitten während einer fürchterlichen AIDS-Epidemie, bei 14,6 pro Tausend - der niedrigste Wert, der jemals gemessen wurde.

Im benachbarten Tansania, das 1992 eine noch größer angelegte Erhebung startete, kam offenbar Vergleichbares heraus. Wie Mulders Projekt wurde auch dieses von der britischen Regierung finanziert und von Wissenschaftlern britischer Universitäten unterstützt. An dieser Untersuchung nahmen 307.912 Personen teil. Jede von ihnen wurde über einen Zeitraum von dreijahren mindestens einmal jährlich zu Todesfällen oder Erkrankungen befragt. Der Abschlussbericht sah ähnlich aus - auch hier war AIDS die häufigste Todesursache, doch die Sterblichkeitsrate lag im Durchschnitt bei 13,6 Promille und damit um 10 Prozent niedriger als bei der Volkszählung 1988, die von Dr. Timaeus, dem UNAIDS-Berater als "nahezu 100-prozentig" eingestuft wird. Timaeus zählt zu den anerkannten Experten für demographische Entwicklungen in Afrika, und ihm stellte ich schließlich die Gretchenfrage:
"Professor Timaeus", sagte ich in seinem Londoner Büro, "aus dieser Untersuchung scheint hervorzugehen, dass die Sterblichkeitsrate in Tansania zwischen 1988 und 1995 trotz der AIDS-Epidemie nicht gestiegen ist."
"Die Umfrage erfasste nur einen Teil des Landes."
"Stimmt, aber einen ziemlich großen Teil, mit Hunderttausenden Teilnehmern."
"Die Frage ist: Handelte es sich dabei um eine repräsentative Stichprobe?"
Ich hatte keine Ahnung. Timaeus lächelte und sagte: "Ich glaube, das hier ist der wichtigere Beweis."
Worauf er einen Stapel Diagramme und Papiere hervorzog und auf den Tisch legte. Es gäbe, meinte er, einen "bedauerlichen Mangel" an Informationen über Mortalitätstrends in Afrika, der auf "Trägheit", Gleichgültigkeit und ein gravierendes Defizit an aktuellen Daten zurückzuführen wäre. Diese Faktoren behindern den Demographen, doch laut Timaeus gab es verschiedene Möglichkeiten, sie zu umgehen. Die wichtigste ist die so genannte "Sibling History"Methode. Sie funktioniert so:

Seit 1984 führen Forscher, die von der U.S. Agency for International Development finanziert werden, ausführliche Gesundheitsbefragungen unter Tausenden von Müttern in Entwicklungsländern durch. Dabei werden unter anderem folgende Fragen gestellt: Wie viele Kinder hatte Ihre Mutter? Wie viele davon leben noch? Wann sind die anderen gestorben? Timaeus erkannte, dass eine genaue Analyse der Antworten unter Umständen Trends sichtbar machen würde, die nirgendwo sonst auffielen. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 1998 in der Fachzeitschrift "AIDS". "In nur sechs Jahren ('89 - '95)", heißt es in seinem Artikel, "hat sich in Uganda die Sterblichkeitsrate bei Männern nahezu verdoppelt und bei Frauen mehr als verdoppelt." Ähnliche Entwicklungen gab es in Tansania, wo im selben Zeitraum "die Zahl der Todesfälle in der männlichen Bevölkerung offenbar um 80 Prozent anstieg".

War die Sache damit erledigt? Nein, denn wieder ergaben sich merkwürdige Widersprüche. Timaeus Erhebung traf zeitlich zusammen mit Daan Mulders großer Mortalitätsstudie, die über sieben Jahre lief, ohne dass eine signifikante Änderung der Sterblichkeitsrate erkennbar wurde. Dasselbe gilt für die Tansania-Studie, die ebenfalls in die Periode fiel, in der laut Timaeus die Mortalitätsrate rapide anstieg, selbst aber keinerlei Hinweise darauf lieferte.

Gab es vielleicht irgendein Problem mit Timaeus' Daten? Kenneth Hill ist Demograph an der Johns Hopkins University und hat die ",Sibling History" Methode mitentwickelt. Vor einiger Zeit machten er und sein Team sich daran, die Wirksamkeit und Genauigkeit der Methode weltweit auf den Prüfstand zu stellen. Aus einem letztes Jahr erschienenen und von Hill mitverfassten Artikel geht hervor, dass das Verfahren zu Verzerrungen nach unten neigte, was bedeutet, dass Menschen sich besser an Todesfälle erinnern, die noch nicht lange zurückliegen, und ältere Fälle leichter vergessen. Dies führt dazu, dass die Sterblichkeitsrate fälschlicherweise immer mehr ansteigt, je näher man der Gegenwart kommt. "Dieser Mangel an Genauigkeit", schrieb Hill, "schließt die Verwendung solcher Daten für Trendanalysen aus."
Weder Hill noch seine Mitarbeiter wollten sich offiziell äußern, doch einer von ihnen war bereit, über ein anderes Thema zu sprechen.
"Was meinen Sie zu den hohen HIV-Infektionsraten, die aus Genf gemeldet werden?" fragte ich.
"Ich glaube nicht so recht daran", meinte er. "Diese Daten werden auf dem Computer modelliert, und dabei kommen häufig auch politische Dimensionen ins Spiel."

Das erinnerte mich an etwas. 1981, als die ersten GRID-Fälle auftraten, lebte ich in Los Angeles. Ich kannte Männer, die davon betroffen waren, und hatte großes Mitleid mit ihnen. Sie wollten, dass die Regierung etwas unternahm, wussten aber, dass nichts geschehen würde, so lange die Krankheit als Geißel von Homos, Junkies und Haitianern angesehen wurde. Deshalb schmiedeten sie eine Allianz mit bekannten Persönlichkeiten aus Wissenschaft und Medien. Madonna, Liz Tailor und andere Stars wurden rekrutiert, um der Öffentlichkeit klar zu machen: AIDS hat auch dich im Visier.

Gestützt wurden diese Warnungen von düsteren Prognosen. Das CDC schätzte beispielsweise 1985 die Zahl HIV-infizierter Amerikaner auf 1,5 Millionen und ging davon aus, dass sich die Krankheit rasch weiterverbreiten würde. Dr. Anthony Fauci, heute Leiter der Nationalen Forschungsanstalt für Allergien und Infektionskrankheiten, prophezeite, innerhalb eines Jahrzehnts würden ca. 2 bis 3 Millionen Amerikaner HIV-positiv sein. Die Zahlen, die 1986 in einem "Newsweek"-Artikel erschienen, waren mindestens doppelt so hoch. Im selben Jahr noch klärte die USTalkshow-lkone Oprah Winftey die Nation auf, bis 1990 würde "einer von fünf Heterosexuellen an AIDS gestorben sein". Ob sie da nicht Homosexuelle gemeint hatte?

Je mehr die Hysterie zunahm, desto gefährlicher wurde es, solche Aussagen in Zweifel zu ziehen. 1988 überprüfte Stephen C. Joseph, Leiter des New Yorker Gesundheitsamtes, den von der Stadt geschätzten HIV-Infektionsgrad, stellte fest, dass der Wert ungenau war, und halbierte ihn von 400.000 auf 200.000. Sein Büro wurde von protestierenden Bürgern überrannt, er selbst erhielt anonyme Morddrohungen.

Rückblickend könnte selbst die halbierte Zahl von 200.000 Infizierten übertrieben sein, da in New York City seit Beginn der Epidemie vor zwei Jahrzehnten "nur" 120.00 AIDS-Fälle registriert wurden. 1997 erzählte ein Bundesbeamter der "Washington Post", nach seinen Berechnungen hätte die Zahl der HIVInfektionen in den USA Mitte der 80erjahre bei etwa 450.000 liegen müssen - weniger als ein Drittel des Werts, der vom CDC angegeben worden war.
Wenn man sich schon in Amerika so verrechnet hat, was sollen wir dann von den so unendlich viel trostloseren Prognosen halten, die für Entwicklungsländer aufgestellt werden?

4. "Blödsinn!"

Die Geschichte von AIDS in Afrika ist auch die Geschichte von der Kluft zwischen Reich und Arm, Privilegierten und Diskriminierten. Ein Eindruck von der Tiefe dieser Kluft? Bitte sehr:

Nehmen wir an, du lebst in Amerika und hattest vor ein paar Jahren ein bisschen Pech mit Drogen und Nadeln oder ungeschütztem Sex. Jetzt quälen dich ominöse Krankheiten, die nicht verschwinden wollen. Dein Arzt runzelt die Stirn und empfiehlt dir einen AIDS-Test. Eine Blutprobe wird genommen, an ein Labor geschickt und nach dem ELISA-Verfahren getestet. Der ELISA-Test kann das Virus selbst nicht entdecken, nur die Antikörper, die auf sein Vorhandensein hindeuten. Enthält dein Blut solche Antikörper, kommt es zu einer Farbänderung, und der Laborant wiederholt das Ganze. Ist das Ergebnis gleich, führt er einen weiteren Test nach der komplizierteren und teureren Western-Blot-Methode durch. Bestätigt dieser Test eine Infektion, empfehlen die Gesundheitsämter eine Wiederholung der gesamten Prozedur mit einer neuen Blutprobe, um ein absolut hieb-und stichfestes Ergebnis zu garantieren.

Mit anderen Worten, es werden insgesamt sechs Tests durchgeführt. Ein solches Prozedere ist vermutlich narrensicher, doch je weiter man sich von der Ersten Welt entfernt, desto schlechter wird die Gesundheitsversorgung und desto ärmer die Menschen. Bestätigende Tests können aus Kostengründen häufig gar nicht durchgeführt werden. Ein Privatarzt in Johannesburg verlangt in der Regel drei aufeinander folgende, positive ELISAs, bevor er dich für HIV-positiv erklärt. Sein Kollege in einem staatlichen Testcenter muss sich dagegen mit zwei ELISAs begnügen.

Bei den jährlichen Umfragen in Schwangeren-Beratungsstellen, auf denen Südafikas furchterregende AIDS-Statistiken basieren, wird nur ein ELISA-Test durchgeführt, ohne jede Bestätigung. In Amerika bedeutet ein ELISA so gut wie nichts. "Eine Person ist nur dann positiv, wenn sie wiederholt auf ELISA reagiert und das Ergebnis durch Western Blot bestätigt wird", heißt es beim CDC. In vielen Teilen Afrikas gilt diese Regel nicht. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die WHO selbst HIV-Tests beurteilt, die neu auf den Markt kommen. Bei diesen Versuchsreihen werden die Produkte gegen mehrere Hundert Blutproben aus aller Welt getestet. Einige davon sind HIV-positiv, andere nicht. Alle wurden vorher einem Standardtest unterzogen. Unter den Dutzenden von Produkten, die im Laufe der Jahre dieses Verfahren durchliefen, erwies sich eine Hand voll als nutzlos. Diejenigen jedoch, die von etablierten Biotechnologie-Unternehmen stammen, bestehen meist mit fliegenden Fahnen und Genauigkeitswerten nahe 100 Prozent. Auf diese Werte wurde in Südafrika häufig von den Kritikern Präsident Mbekis hingewiesen.

Einen ersten Eindruck von der Komplexität der ELISA-Tests erhielt ich letztes Jahr, als ich auf einen Artikel in einer Fachzeitschrift stieß. Dort ging es um eine Studie aus dem Jahr 1994, bei der 184 Personen aus der Hochrisikogruppe in einem südafrikanischer Bergarbeiterlager auf HIV getestet wurden. 21 von ihnen reagierten positiv oder grenzwertig positiv auf ELISA. Doch die Ergebnisse waren nicht eindeutig, denn ein lokal hergestellter Test schlug nur zwei Mal an. Ein britischer Test ergab sieben Infektionen, doch bei jeder Wiederholung waren es andere Personen, die positiv getestet wurden. Ein französischer Test reagierte 14 Mal positiv.

Irgend etwas verfälschte die Ergebnisse, und die Hauptverdächtige war Plasmodium Falciparum, einer der Parasiten, der Malaria überträgt. Von den 21 positiv getesteten Personen hatten 16 kürzlich eine Malaria-Infektion durchgemacht und riesige Mengen Antikörper im Blut. Daraufhin stellten die Forscher ein Präparat her, das die Malaria-Antikörper absorbierte, behandelten die Blutproben damit und testeten erneut. 80 Prozent der vermeintlichen HIV-Infektionen verschwanden.

Natürlich waren diese Ergebnisse ohne Beweiskraft. Doch in Anbetracht der Tatsache, dass geschätzte 90 Prozent aller weltweiten Malariafälle in Afrika auftreten, durchaus interessant. Ich fragte Dr. Luc Noel, einen WHO-Experten für Bluttransfusionen, nach seiner Meinung. Er zeigte sich nicht besorgt und überreichte mir eine Broschüre mit den Ergebnissen der Versuchsreihen, die die WHO mit kommerziellen HIVTests durchgeführt hatte. Zwei der drei Tests, die in Südafrika verwendet worden waren, tauchten dort auf - genau die, die angeblich verrückt gespielt hatten, einer aus Großbritannien, der andere aus Frankreich. Der eine war als 97% sicher eingestuft worden, der andere als 98%.

Auf der anderen Seite hieß es in der Broschüre, jede Blutprobe werde zur Bewertung der Genauigkeit mindestens fünfmal getestet. Was passiert, wenn man nur einmal testet, oder zweimal? Und wenn die getesteten Personen Afrikaner sind, deren Immunsystem sich, wie UNAIDS-Leiter Peter Piot es ausdrückt, "durch ständigen Viren-und Parasitenbefall häufig in einem chronisch aktivierten Zustand" befindet?

Das Uganda Virus Research Institute, das vielleicht größte HIV-Forschungsinstitut in Afrika, beschäftigt etwa 200 Wissenschaftler und hat in den letzten zehn Jahren bergeweise wissenschaftliche Untersuchungen veröffentlicht.

1999 überprüfte das Institut Tausende von Blutproben mit ELISA-Tests, die von der WHO ausgezeichnet bewertet worden waren. In einem Labor in Antwerpen hatte der eine Test eine Genauigkeit von 99,1 Prozent erzielt, der andere sogar 100 Prozent. In Afrika sah die Geschichte ganz anders aus. Hier wurden mit einem Produkt 3.369 Proben positiv getestet, doch nur bei 2.237 (66 Prozent) bestätigte sich das Ergebnis nach weiteren Tests. Mit anderen Worten: ein Drittel der Ugander, die mit mindestens einem dieser angeblich fast perfekten ELISAs positiv getestet worden waren, trugen das Virus gar nicht in sich. Was sagt das über Länder, in denen die AIDS-Statistiken auf einem einzigen ELISA basieren?

Ich stellte diese Frage Dr. Neff Walker, einem weiteren UNAIDS-Berater, der etwas erstaunt wirkte. "Das WHO/UNAIDS Protokoll schreibt in Ländern mit stärkerer Verbreitung zwei Tests vor", sagte er.

Doch laut einem WHO-Report ist "die Bestätigung durch einen zweiten Test nur dort notwendig, wo die geschätzte HIV-Prävalenz unter zehn Prozent liegt."

Daraufhin meinte Dr. Walker, diese Regelung sei nicht besonders wichtig, da die meisten afrikanischen Länder "Qualitätssicherungs-Programme" (so seine Worte) installiert hätten. "Eine Regierung, die vermutet, zu viele positive Ergebnisse zu erhalten", sagte er, "würde das sicher melden, denke ich."

Würde sie das wirklich? Hohe AIDS-Raten sind in bettelarmen afrikanischen Ländern nicht unbedingt unerwünscht. Viele AIDS-Kranke stehen für eine Verstärkung der Krise, und wo Krisen sind, gibt es in der Regel bald Geld. Mittlerweile fliegen jumboweise Safari-Wissenschaftler nach Afrika ein, um die Forschungsprojekte zu überwachen, und sie bringen jede Menge Devisen mit - etwa 1 Milliarde Dollar pro Jahr an AIDS-Mitteln, die vor allem in die Länder mit den höchsten Infektionsraten gehen.

Diese Dollars sichern Politikern wichtige Pfründe und einigen ihrer Wähler sehr gut bezahlte Jobs. In Uganda verdient ein AIDS-Berater zwanzig Mal so viel wie ein Lehrer. Hier in Südafrika stürzen sich immer mehr Geschäftsleute auf den AIDS-Markt, richten Beratungsstellen ein, verkaufen Kräuterpillen zur Immunstärkung, entwickeln neue Versicherungsangebote, vertreiben Kondome, organisieren Wohltätigkeitsveranstaltungen, gründen Theatergruppen, die AIDS-Aufklärung in Schulen betreiben.

Mitunter schien es, als sei ich der Einzige in Südafrika, der all das merkwürdig fand. Dr. Ed Rybicki, ein Mikrobiologe an der Universität Kapstadt, las einen Teil dieses Artikels während seiner Entstehung und reagierte prompt: "Eine Verfälschung der HIV-Statistik in großem Stil aufgrund fehlerhafter Tests?", schrieb er in einer E-Mail. "Neeeeein." Er gab zu, es läge "wahrscheinlich ein Körnchen Wahrheit" in den Geschichten über "verschiedene Faktoren, die zu falschen Testergebnissen führen", beschuldigte mich dann jedoch, sie auf unverantwortliche Weise zu verknüpfen."Blödsinn!", lautete sein abschließendes, vernichtendes Urteil. "Das ist völliger Müll."

5. Wer kann zehn Jahre warten?

Und damit kehren wir wieder dorthin zurück, wo die ganze Sache losgegangen ist. Wir stehen an einem Sarg unter einem wolkigen Soweto-Himmel und halten eine holprige Rede über einen traurigen und zu frühen Tod. Adelaide Ntsele ist an AIDS gestorben, doch das Wort tauchte auf ihrem Totenschein nicht auf. Hier in Afrika sind diese vier Buch staben ein Stigma, deshalb schreiben die Ärzte meistens etwas Harmloseres, um der Familie zusätzlichen Schmerz zu ersparen. In Adelaides Fall war es TB. Doch ihre Schwester Elizabeth verweigerte sich dem falschen Trost. Sie setzte eine Baseballkappe mit roter Schleife auf und trat vor die Fernsehkameras, um die Wahrheit zu verkünden: "Meine Schwester hatte HIV/AIDS." Als Krankenschwester konnte sie diese Diagnose nicht erschüttern, und sie war einverstanden mit der Entscheidung der Ärzte, auf eine Operation zu verzichten und Adelaide sterben zu lassen. "Es war Gottes Wille", sagte sie. Sie hatte ihren Frieden gefunden. Ich war diejenige, die Zweifel quälten.

Ist Adelaide tatsächlich an AIDS gestorben? Es sah so aus, sicher, aber sie hatte auch Tuberkulose, die zweitgefährlichste Krankheit der Welt, die überall im Vormarsch ist, sogar in den reichen Ländern. Mitunter tritt sie in einer besonders bösartigen, gegen Medikamente resistenten Form auf, die die Hälfte ihrer Opfer tötet, wie's in einem CIA-Report über Infektionskrankheiten heißt. Vor acht Jahren rief die WHO angesichts der Wiederkehr der Tuberkulose den "globalen Notstand" aus, doch die Krankheit verbreitet sich weiterhin, besonders in der Hand voll südafrikanischer Länder, die gleichzeitig von der schlimmsten TB-und HIV-Epidemie unseres Planeten gepeinigt werden.

1994 beobachteten Max Essex, Leiter des AIDS-Instituts der Universität Harvard, und einige seiner Kollegen eine "sehr hohe" Zahl (63 Prozent) falscher ELISA-Positivresultate unter Leprakranken in Zentralafrika. Verblüfft forschten sie gründlicher und fanden den Grund: zwei kreuzreagierende Antigene, von denen eines, LAM, auch in dem TuberkuloseErreger auftaucht. Essex und seine Kollegen warnten daraufhin, ELISA-Ergebnisse sollten in Gegenden, in denen HIV und TB zusammen auftreten, "mit Vorsicht interpretiert werden".

Essex war nicht der Einzige, der vor einer Verfälschung von Antikörper-Tests durch nicht-HIV/AIDS-bedingte Krankheiten warnte. In einem 1996 im Journal der American Medical Association erschienenen Artikel heißt es: 
"Falsche Positivergebnisse können durch unspezifische Reaktionen in Personen mit immunologischen Störungen (z. B. systemischer Lupus erythematodes oder rheumatoide Arthritis), mehreren Bluttransfusionen oder kürzlich stattgefundener Grippe- oder Tollwutimpfung hervorgerufen werden. Um die gravierenden Konsequenzen einer Fehldiagnose zu verhindern, ist eine Bestätigung positiver ELISA-Ergebnisse durch weitere Tests erforderlich. In der Praxis können falsche Positivdiagnosen durch verschmutzte oder falsch etikettierte Proben, Kreuzreaktionen bei Antikörpern, fehlende Bestätigung oder die Fehlinterpretationen gemeldeter Ergebnisse durch ärztliches Personal oder Patienten verursacht werden." 
Dies sind jedoch nicht die einzigen Faktoren. Was ist mit Schwangerschaft? Die amerikanischen Gesundheitsämter haben darauf hingewiesen, dass Mehrfach-Schwangerschaften HIV-Tests verfälschen können. Ähnliche Warnungen hat es in den vergangenen Jahren auch für Masern, DengueFieber, Ebola, Marburg und Malaria gegeben.

Doch lassen wir all das für einen Moment beiseite. Viele Leute meinten, es wäre falsch von mir, solche Fragen überhaupt zu stellen, besonders zu einer Zeit, da reiche Staaten, reiche Unternehmen und reiche Privatleute erwägten, Milliarden in einen Global AIDS Superfund einzubringen. Zurückzuführen war dieses Engagement auf die unablässige Flut von Geschichten und Bildern unerträglichen Leids in Afrika, die von den Horrorzahlen aus Genf unterstützt wurden. Sie in Frage zu stellen, käme dem Tatbestand des Mordes gleich, so Dr. Rybicki, der Mikrobiologe aus Kapstadt.

"AIDS, ist eine Tatsache, der bereits Millionen Afrikaner zum Opfer gefallen sind", schrieb er. "Argumente in der Boulevardpresse auszubreiten, die vorgeben, das Gegenteil zu beweisen, wird den Schaden, den Mbeki bereits angerichtet hat, noch verstärken. Und eine Menge Menschen werden sterben, die sonst vielleicht hätten überleben können."

Als ich mit dieser Story begann, gab es keinen sprunghaften Anstieg bei den in Südafrika registrierten Todesfällen. Ein Jahr später versuchte ich, zu diesem Punkt zurückzukehren, um zu sehen, ob die Abweichung weiterhin bestand. Ich schrieb an das Innenministerium, wo das Sterberegister verwaltet wird, und bat um die neuesten Zahlen. Als ich sie erhielt, unterschieden sie sich etwas von denen, die man mir ursprünglich geliefert hatte. Man sagte mir, das sei auf verspätet gemeldete Fälle zurückzuführen sowie auf die Berücksichtigung von Menschen, die ohne Ausweispapiere gestorben waren. Hier ist das endgültige Ergebnis:

Registrierte Todesfälle im Jahr 1996: 363.238.
Registrierte Todesfälle im Jahr 2000: 457.335.

Wie man sieht, ist die Zahl tatsächlich gestiegen - nicht in dem Maße wie von den Vereinten Nationen vorhergesagt, doch es findet definitiv eine Bewegung nach oben statt. Von diesem Trend sind alle Bevölkerungsgruppen betroffen, besonders aber Frauen in den Zwanzigern und Männer im Alter von 30 bis 39.

Und doch ist auch das noch nicht das Ende der Geschichte, denn eine andere Behörde, Stats SA, hat diese Zahlen angezweifelt. Laut einer Meldung der "Washington Post" hat das südafrikanische Statistische Amt eine Studie des nationalen Medical Research Council (MRC) als "stark fehlerbehaftet" bezeichnet und als Begründung dafür angeführt, die Stichproben seien nicht repräsentativ und Vermutungen über die Wahrscheinlichkeit einer direkten Übertragung des AIDS-verursachenden Virus nicht ausreichend fundiert gewesen.

Das also ist meine Geschichte: Rätsel, Widersprüche, Zweifel und keine Atempause. Versicherungsmathematische Modelle sagen, 352.000 Südafrikaner seien seit Beginn der Epidemie an AIDS gestorben. Das MRC geht von 517.000 aus. Die Zahl einer Gruppe, die überhaupt noch nicht erwähnt wurde, der United Nations Population Division, ist noch einmal doppelt so hoch (1,06 Millionen) und die inoffiziellen WHO/UNAIDS-Schätzungen sogar noch höher. Das Ganze hat mich ein Jahr gekostet, und alles, was ich jetzt sagen kann ist, dass mein Glaube an die Wissenschaft einen gehörigen Knacks bekommen hat.

Überall in Afrika erleben die Menschen, dass die Krankheit sich unter ihnen ausbreitet. Der Führer, der mich in Uganda begleitete, hatte zwei Geschwister verloren. Unser Fahrer drei. Am Ufer des KageraFlusses, wo die Seuche ihren Anfang nahm, trafen wir einen traurigen alten Mann, der sagte, ihm seien alle fünf Kinder gestorben.

Frag diese Menschen nach Gesundheitsversorgung - und du erntest ein bitteres Lachen. "Der Kaffeepreis stürzt ins Bodenlose", sagen sie. "Keiner hat Geld. Wir können uns nicht einmal die Fahrt zum Krankenhaus leisten, geschweige denn Medizin." Überall im ländlichen Ostafrika wurde dies von Ärzten bestätigt: kein Geld, keine Medizin. Selbst Missionshospitäler lassen sich mittlerweile entlohnen.

"Was sollen wir machen?", fragt Vater Boniface Kaayabula, der in einer katholischen Mission in Uganda arbeitet. "Wir haben auch kein Geld. Wir müssen die Leute bitten zu bezahlen, und das können nur die wenigsten."

Was also tun arme Afrikaner, wenn sie krank werden? Sie gehen in Hütten am Straßenrand, die sich "Drug Stores" nennen, und kaufen Schlangenöl; Chloroquin gegen Malaria - und das auf einem Kontinent, wo die einstige Wundermedizin ihre Heilkraft größtenteils verloren hat; No-Name-Antibiotika vom Schwarzmarkt gegen Lungenkrankheiten - mittlerweile sind bis zu 60 Prozent aller Erreger resistent; Penicillin gegen Gonorrhoe, verabreicht von irgendeinem Quacksalber, der nicht weiß, dass die Menge, die man braucht, um der Infektion Herr zu werden, in den letzten zehn Jahren auf das Hundertfache gestiegen ist. Für die Ärmsten der Armen sind selbst diese dubiosen Heilmittel unerschwinglich. Sie versuchen, sich mit Kräutern zu behandeln, haben keinen Erfolg und sterbenjämmerlich.

Was kann man tun? Dr. Joseph Sonnabend ist Arzt und gebürtiger Südafrikaner, der Anfang der 80er Jahre, als GRID zum ersten Mal auftauchte, eine Klinik für Geschlechtskrankheiten in New York leitete. Er wurde weltweit als einer der Pioniere der AIDSBehandlung bekannt. Als Präsident Mbeki letztes Jahr seine umstrittenen Untersuchungen startete, kam Sonnabend in seine Heimat zurück, um an dem Projekt teilzunehmen - eine Erfahrung, die er mit einem "Eintritt in die Hölle" vergleicht.

Seiner Meinung nach lässt sich das Problem nur lösen, wenn man die Umstände beseitigt, die Afrikaner so anfällig für das HIV-Virus machen. Ein Jahr später versucht Sonnabend immer noch, eine internationale Konferenz zu organisieren, bei der die Verteilung der im Global AIDS Superfund deponierten Gelder diskutiert werden soll. Für ihn wären etwa 1 Milliarde Dollar pro Jahr ausreichend, um die Lebensbedingungen der afrikanischen Normalbevölkerung zu verbessern und die AIDS-Epidemie einzudämmen; allerdings nur, wenn die Mittel nicht für "Medikamente für Menschen"-Programme verschleudert werden, die ohnehin nicht über einen längeren Zeitraum aufrechterhalten werden können.

"Natürlich haben Behandlungs-und Aufklärungskampagnen ihren Platz", meint er, "aber sie sind nicht die einzige Antwort. Wir müssen sauberes Wasser bereitstellen und eine ordentliche Abfallbeseitigung gewährleisten. Etwas gegen Unter-und Fehlernährung tun. Eine grundlegende Gesundheits-Infrastruktur schaffen. Wirksame Medikamente gegen Malaria und TB entwickeln und sie zu den Menschen bringen, die sie brauchen."

Auf der anderen Seite haben wir Forscher wie die von der Harvard University, die ein medizinisches Eingreifen für moralisch unausweichlich halten. "Wir können die Leute vom Totenbett holen", sagt Professor Bruce Walker, der vorrechnet, für nur 1100 Dollar pro Patient und Jahr könne man Afrikanern eine AIDS-Behandlung ermöglichen.

Sicher, sagt Sonnabend, aber das macht nur wenig Sinn, wenn die Nachbarn dieses einen glücklichen Patienten an Krankheiten sterben, die man für ein paar Cents behandeln könnte.

Wer also hat Recht? Das richtet sich wohl nach den Zahlen. Am Ende versuchte ich, alle meine unbeantworteten Fragen zu dem Mann zu tragen, der dabei war, als die Seuche diesen Kontinent zum ersten Mal traf - Dr. Peter Piot, heute Leiter von UNAIDS.

Mein Anruf bei ihm wurde aber an den leitenden Epidemiologen von UNAIDS weitergeleitet, einen Arzt namens Dr. Schwartländer.
Warum, fragte ich, gibt es so viele unterschiedliche Schätzungen über AIDS-Tote in Südafrika?
"Das beunruhigt mich nicht", sagte er. "Die Modelle mögen zu einem bestimmten Zeitpunkt völlig voneinander abweichen, doch am Ende sehen sich die Kurven unglaublich ähnlich. Denn sie sind verdammt konsistent.
Wenn das wahr ist, sagte ich, warum wurden dann letztes Jahr hier nur 457.000 Tote registriert, wo doch laut UN schon allein 400.000 an AIDS starben? Eine der Zahlen muss falsch sein.
"Sie sagen, es hätte 457.000 registrierte Todesfälle in Südafrika gegeben?", meinte Schwartländer, kurzzeitig in Verlegenheit. "Das ist eine auf Vorhersagen basierende Schätzung."
Nein, sagte ich, das ist die tatsächliche Zahl aller im letzten Jahr registrierten Todesfälle.
"Wir wissen es nicht", antwortete er."Die Dinge entwickeln sich sehr schnell. Wie viele Menschen sterben tatsächlich? Die Zahl könnte auch noch sehr viel höher liegen. HIV hat es in der Geschichte der Menschheit noch nie gegeben, deshalb gibt es auch keinen Ankerpunkt." Die UNAIDS-Zahlen seien nur Schätzwerte. "Wir sagen nicht, so sehen die Zahlen aus. Wir sagen, dies ist unsere beste Schätzung. In zehn Jahren werden wir diese Probleme nicht mehr haben. In zehn Jahren werden wir alles wissen."

Zehn Jahre! Hätte ich das gewusst, hätte ich mir eine Menge Ärger ersparen können. Denn noch während ich dabei war, die alten Zahlen zu verifizieren, wurden sie durch noch höhere ersetzt - 17 Millionen Afrikaner an AIDS gestorben und 25 Millionen mit HIV infiziert. Laut UNAIDS ist inzwischen nicht mehr jeder fünfte, sondern jeder vierte Erwachsene in Südafrika infiziert. Ob die Zahlen stimmen? Ich weiß die Frage nicht zu beantworten.

 


Weitere Texte zu AIDS in (Süd)Afrika bei rethinkingAIDS.de


AIDS-kritische Artikel in englischer Sprache
über Afrika:
http://www.virusmyth.net/aids/index/africa.htm

über Südafrika:
http://www.virusmyth.net/aids/news/southafrica.htm